Bundesrepublik Deutschland wird 60



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 Bildergalerie: 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland
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Und aus dem Hintergrund schießt Rahn

Von Lars Müller-Appenzeller

Der Kopf der Walter-Elf obenauf: Kapitän Fritz Walter (Mitte) mit dem Coupe Jules Rimet in der Hand nach dem Triumph gegen Ungarn. dpa (dpa)
„Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt“, ruft Radioreporter Herbert Zimmermann am 4. Juli 1954 um 17.35 Uhr. Er weiß noch nicht, dass seine folgenden Worte der bewegendste Moment deutscher Sportgeschichte werden. „Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn, am Ball. Er hat den Ball – verloren. Diesmal gegen Schäfer, Schäfer nach innen geflankt – Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt! Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ Helmut Rahn hat im Endspiel der Fußball-WM 1954 das berühmteste Tor der deutschen Geschichte geschossen. Das 3:2. Sechs Minuten vor dem Abpfiff. Neun Jahre nach der Stunde Null.

Unhaltbarer Flachschuss

Es ist dieser unhaltbare Flachschuss von Rahn, dem Boss, der Deutschland erstmals zum Weltmeister macht. Gegen diese wunderbaren Ungarn, die bis dahin mehr als 30 Spiele in viereinhalb Jahren ungeschlagen geblieben waren, Deutschland in der Vorrunde beim 8:3 vorgeführt hatten und im Finale von Bern nach acht Minuten schon wieder 2:0 führten. Doch Max Morlock gelang der Anschlusstreffer, dem Boss das 2:2, ehe Herbert Zimmermann Luft holte und sagte: „Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion ...“ Es ist nur ein Fußballspiel, das gewonnen wird. Und doch viel mehr. Das Tor Rahns gibt einem Volk das Selbstwertgefühl zurück. Man hat sich berappelt, ist wieder wer. Im Laufe der Jahre wird der 4. Juli 1954 das gefühlte Gründungsdatum der Bundesrepublik – so der Mythos.

Bis zur WM in der Schweiz herrschte in Deutschland König Fleiß. Fußball? Ottmar Walter erinnert sich: „Als wir uns in Karlsruhe getroffen haben und zur Weltmeisterschaft aufgebrochen sind, sagten die Leute, wir sollten zu Hause bleiben. Das koste nur Geld und wir würden sowieso eine aufs Dach bekommen. Ein paar Wochen später wurden wir als Helden begrüßt.“

Vom Kaiser geadelt

Helden von Bern, Wunder von Bern, Gründungsmythos: Das Leben in Deutschland wurde auch nach dem 4. Juli 1954 weiter von König Fleiß bestimmt – Seite an Seite mit König Fußball. Der Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer hat die Leistung der Elf von Sepp Herberger einst geadelt: „Es gibt keinen größeren Erfolg in unserer Sportgeschichte.“

Der 4. Juli 1954 hat Deutschland verändert. Auch die Medienwelt. „Zum ersten Mal wurde damals ein sportliches Großereignis von Menschen aufgenommen, die vorher nichts mit der Lebenswelt Fußball zu tun hatten“, sagt der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta. „Seither können es sich die Medien nicht mehr erlauben, den Sport in ihren Berichten zu vernachlässigen.“

27.03.2009