Über Verbleib des Bäckers wird gerätselt

Nach Freispruch im Siegelsbachprozess: Alfred B. kehrt auf Rat der Verteidigerin nicht ins Dorf zurück

Von Carsten Friese, Steffan Maurhoff und Franziska Feinäugle

Alfred B. hält sich offenbar bei Freunden auf
Alfred B. hält sich offenbar bei Freunden auf
In Siegelsbach stellen sich viele inzwischen die Frage, wo Alfred B. nach dem Freispruch geblieben ist. Die Wohnung über seiner Bäckerei ist scheinbar nicht wieder bewohnt - die Rollläden sind unverändert heruntergelassen. Gerüchtehalber wurde B. in Siegelsbach gesichtet. Ein anderes Gerücht besagt, dass er mit seiner ältesten Tochter einen Urlaub angetreten habe.

„Er ist bei Freunden. Was weiter wird, weiß noch niemand“, sagte Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf auf Nachfrage. Sie habe Alfred B. geraten, erst einmal nicht nach Hause zu gehen. „Er hat erst jetzt die Tragweite des Verfahrens erkannt“ und sei überrascht gewesen, welche Stimmung zum Teil im Ort herrsche. „Er war immer überzeugt, dass er freigesprochen wird.“

Polizei, Staatsanwalt und Angehörige der Opfer hatten am Freitag den Richterspruch scharf kritisiert. In Gerichtskreisen sind Kollegen zurückhaltend. „Ob das Urteil richtig war oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Die Richter haben aber sicher nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, gegen eine für sie fühlbare Stimmung. Davor muss man Respekt haben.“

Es ist eine Stimme aus dem Umfeld der Heilbronner Gerichte, die der großen Aufregung nach dem klaren Freispruch für den angeklagten Bäcker entgegensteht. Nur die Presseberichte seien für eine eigene Meinungsbildung zu wenig, stellt ein Richter fest. „Wenn man Zweifel hat, darf man nicht verurteilen“, gibt es eine weitere Stimme. „Richter sind unabhängig. Jede Beweisaufnahme bewertet jeder für sich“, sagt ein Richter, der die Kollegen der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts respektiert. Auch er kennt den Fall nur aus der Presse. Seine Einschätzung angesichts der Revision der Staatsanwaltschaft: „Beim Bundesgerichtshof ist alles offen.“

Streit um Entschädigung

Erst das schriftliche Urteil des Gerichts abwarten, dann die weitere Vorgehensweise abklären, darauf haben sich Polizei und Staatsanwaltschaft verständigt. Rund 20 500 Euro hatte die Polizei beim Siegelsbacher Bäcker als mutmaßliches Beutegeld des Raubüberfalls auf die Sparkassenfiliale beschlagnahmt. Noch bekommt er es nicht zurück.

Über das Geld werde „erst nach Rechtskraft des Verfahrens entschieden“, stellte Pressestaatsanwältin Michaela Molnar fest. Eine weitere Entscheidung des Gerichts hat die Staatsanwaltschaft angefochten. Der Angeklagte sei für die Zeit seiner Haft - 558 Tage - zu entschädigen. Molnar: „Das nehmen wir natürlich nicht hin.“

Bei Staatsanwälten sorgt die Entscheidung des Landgerichts weiter für Unmut. Er stehe vor einem Rätsel, „weil die Beweislage eindeutig ist“, sagte ein Vertreter, der das Urteil „skandalös“ findet. „Aufgewühlt“ habe ihn der Richterspruch.

In Siegelsbach versuchen viele offenbar, einer möglichen Begegnung mit Alfred B. auszuweichen. Verkäuferinnen in jener neuen Bäckerei, die vor wenigen Monaten gegenüber der Sparkassenfiliale eröffnet hat, beobachten am Tag des Urteils, dass die Straßen gespenstisch leer gewesen seien.