Inzwischen muss man die Süchtigen suchen

Ein Jahr nach der Vertreibung aus dem Kirchhöfle ist die Drogenszene in Heilbronn zersplittert - Deals in Gassen der Sülmer City

Von Franziska Feinäugle

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Ein Jahr danach. Im Kirchhöfle hinter der Nikolaikirche, wo einst Trinker und Drogensüchtige ihren festen Platz hatten, lässt sich seit der konzertierten Kontroll- und Platzverweis-Aktion von Polizei und Ordnungsamt im vergangenen Sommer kein Abhängiger mehr blicken. "Ein Teil der Szene ist abgebröckelt", sagt Heilbronns Polizeirevier-Chef Thomas Lüdecke. "Wir haben nicht mehr in dem Maß die Kennzeichen aus Tauberbischofsheim, Künzelsau, Mosbach." Dass Suchtkranke auch aus angrenzenden Landkreisen angereist kamen, "das war es, was uns vermehrt Sorgen gemacht hatte". Sorgen, die derzeit der Vergangenheit angehören.

Aber "durch polizeiliche Maßnahmen wird niemand clean", betont Heilbronns Polizeisprecher Peter Lechner, "da darf man sich nichts vormachen". Das Bummeln in der Sülmer City mag angenehmer geworden sein, seit das Kirchhöfle drogenfrei ist, aber das Drogenproblem lässt sich nicht rein optisch lösen. Das Hospitalgrün bei der Neckarfontäne, den Stadtgarten und ganz pauschal die Sülmer City nennt Dieter Bertsch, Chef des Heilbronner Drogendezernats, als Orte, an die die Szene seither ausweicht. Allerdings in zersplitterter Form.

"Wegen des hohen Kontrolldrucks werden in der Fußgängerzone bloß noch Anbahnungsgespräche geführt", sagt Bertsch. "Die Geschäfte finden dann anderswo statt." Anderswo, wo es die Öffentlichkeit nicht unbedingt mitbekommt. In Seitengassen der Sülmer City etwa.

Vor allem im Stadtgarten kontrollieren die Beamten des Heilbronner Polizeireviers massiv, um zu verhindern, dass sich dort ein fester Treffpunkt der Abhängigen etabliert.

Anders als früher im Kirchhöfle "gibt es jetzt Zeiten, da sind alle weg", beschreibt Lüdecke ein für Heilbronn neues Phänomen. "Da kommen die Kollegen zurück und sagen: Wir finden keinen." Dass die Szene so zersplittert ist, verändert auch die Arbeit der Streetworker. "Von: wir suchen die Klienten auf, zu: wir suchen die Klienten", sagt Wolfgang Laupheimer, Leiter der Heilbronner Jugend- und Drogenberatung und des Kontaktladens.

Im Alten Friedhof ist es laut Polizeirevier-Chef Lüdecke ruhig, und auch Gerüchte, dass alles wieder zurück zu den Anfängen gehe und die Suchtkranken sich am Friedensplatz träfen, "können wir nicht bestätigen", betont er. "Bei den Anwohnern ist natürlich unterschwellige Angst da, und das verfälscht dann auch die Wahrnehmung."

Die Straßenkriminalität - also die klassische Form der Beschaffungskriminalität - in der Stadt ist seit Jahren rückläufig. "Heilbronn", ordnet der Chef des Rauschgiftdezernats Dieter Bertsch die Lage ein, "ist nicht mehr oder weniger gefährlich als jede andere Stadt in vergleichbarer Größe."

Das Kirchhöfle, einst Szene-Treffpunkt, ist friedlich und leer. Das hebt das Sicherheitsgefühl. Die Süchtigen? Selbst Streetworker und Polizei müssen sie jetzt manchmal suchen.
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