Als die Türkenglocke Heilbronner zum Gebet ruft

Vortrag beleuchtet die vielfältige Geschichte zwischen der Neckarstadt und dem Land am Bosporus

Von Bärbel Kistner

Als die Türkenglocke Heilbronner zum Gebet ruft
Laut bejubelt: Türkische Kaufleute und Schriftsteller reisen mit dem Heilbronner Chefredakteur Ernst Jäckh 1911 durch Deutschland.Foto: Stadtarchiv Heilbronn

Heilbronn - Beziehungen zwischen Heilbronn und der Türkei ein Thema für Stadthistoriker? Ist das nicht erst seit den 60er Jahren von Belang? Weit gefehlt. Lange bevor die ersten Gastarbeiter nach Heilbronn kommen, gibt es vielfältige Verbindungen und Bezüge.

Eine Fülle von Material also für Peter Wanner vom Stadtarchiv, der unter dem Titel "Heilbronn und die Türkei − Dimensionen eines aktuellen Themas" einen Vortrag präsentiert. Es ist ein Beitrag zur Reihe "Ein-, Aus-, Zugewandert" und ergänzt zudem die aktuelle Treppenhausausstellung im Stadtarchiv.

Abgabe Der erste Kontakt Heilbronns mit dem fernen Land steht im Zeichen der Bedrohung. Das Abendland sieht sich durch das Vordringen des Osmanischen Reiches im 15. und 16. Jahrhundert bedroht, 1529 beginnt die Belagerung Wiens. Viele 1000 Gulden müssen auch von Heilbronn als Abgabe geleistet werden, Reiter und Soldaten werden entsandt. Mit dem Begriff des Türkischen ist seinerzeit wenig Positives verbunden. Der ungewöhnlich saure Wein des Jahrgangs 1529 wird in der Stadtchronik als "Türke" bezeichnet, den man habe ausschütten müssen. 80 Jahre später: Nach der Predigt muss in Heilbronner Kirchen das "Türkengebet" verlesen werden. Jeden Tag um 12 Uhr sind die Bürger beim Läuten der Türkenglocke angehalten, den Hut zu ziehen und zu beten. Das Ende der zweiten großen Belagerung Wiens wird am Neckar groß gefeiert.

Annäherung Die wirtschaftlichen und strategischen Interessen des Deutschen Reichs im Nahen Osten sind der Grund für die Annäherung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dass Heilbronn dabei eine Rolle spielt, ist mit Ernst Jäckh verbunden, der 1902 mit 27 Jahren Chefredakteur der Neckar-Zeitung wird und großes Interesse am Osmanischen Reich hat. Wegen seiner "glänzenden Beziehungen" zur Reichsregierung und zum Kaiser mischt der Journalist "auf höchster Ebene in der Außenpolitik mit". In Jäckhs Artikeln lesen die Heilbronner Reiseeindrücke, er schreibt Bücher, sieht sich als Botschafter für die türkische Kultur und appelliert, "in nichts vorurteilsvoll zu sein". Höhepunkt ist der Besuch einer türkischen Studienkommission 1911, die unter Jäckhs Führung Firmen wie Bruckmann und Knorr besucht. Die ersten Türken, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Heilbronn kommen, sind Volontäre, die als Kaufleute in Exportfirmen oder als Ingenieure arbeiten.

Nach dem Anwerbeabkommen vom 31. Oktober 1961 mit der Türkei setzt auch in Heilbronn alsbald der Zustrom der Arbeiter ein, deren Lebensgewohnheiten zunächst vor allem auf Unverständnis stoßen. Ein deutsch-türkischer Kulturabend 1965 lässt Oberbürgermeister Paul Meyle optimistisch von einem "guten Omen für die Verständigung zwischen den beiden Völkern in der Metropole des württembergischen Unterlandes" sprechen. Wie die Geschichte − nicht immer in Meyles Sinne − weitergeht, lässt sich derzeit bei den zahlreichen Veranstaltungen in Heilbronn erfahren.

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