In Deutschland geduldet, aber studieren darf Houver nicht

Hauptschule, Wirtschaftsschule, Berufskolleg, Fachhochschulreife: Plötzlich wird die Bildungskarriere eines jungen Syrers aus Leingarten abgewürgt

Von Gertrud Schubert

In Deutschland geduldet, aber studieren darf Houver nicht
Letzte Woche saß Houver Chabo mit Schülern in einer Probevorlesung. Er würde zu gern Verfahrens- und Umwelttechnik studieren. (Foto: Dittmar Dirks)
 „Ich dachte das geht so. Ich habe ich ja auch keine Probleme gehabt mit meiner Bildung“, erzählt Houver. Schritt für Schritt näherte sich der Leingartener seinem Traum: „Ich habe mich hochgearbeitet von der Hauptschule bis jetzt. Und dann sagt man mir, du darfst nicht studieren.“ Der junge Mann aus Syrien steckt in einer Zwickmühle und weiß keinen Ausweg.

Houver Chabo hat keine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Der Asylantrag der Familie Chabo ist abgelehnt, auch vor dem Verwaltungsgericht kam sie nicht weiter. Saidi Hanna und Aziz Chabo und ihre sieben Kinder leben im Status der Duldung. Alle zwei, drei Monate müssen sie auf der Ausländerbehörde im Landratsamt Heilbronn ihre Duldung bestätigen lassen.

Das hat bisher anstandslos geklappt, berichtet Houver Chabo. Sie leben von Leistungen nach den Asylbewerbergesetz, die Schwestern arbeiten als Verkäuferinnen, ein Bruder ist Konstruktionsmechaniker, die jüngeren Geschwister gehen noch zur Schule. Die Chabos sind Aramäer und zählen zu der syrisch-orthodoxen Kirchengemeinde in Kirchhausen.

Houver war vier, als die Familie 1990 ihr Heimatland verließ. Er spricht ein weiches Schwäbisch, trägt ein Christus-Kettchen um den Hals und hat grundtraurige Augen. Außer Baden-Württemberg hat der junge Mann - wegen der Auflagen für geduldete Personen - noch nichts gesehen von der Welt. Nichts ist ihm grausiger als die Vorstellung, nach Syrien abgeschoben zu werden, in ein ihm durchweg fremdes, islamisches Land. „Ich wäre am liebsten sofort Deutscher, ich würde auch zur Bundeswehr gehen“, sagt Houver. Doch das will keiner von ihm wissen.

„Chabo?“ fragt Ursula Steudle, die Schulleiterin der Heilbronner Johann-Jakob-Widmann-Schule hat sofort ein Bild vor Augen: „Ein sehr zuverlässiger Schüler. Er hat immer guten Willen gezeigt.“ Sie kann es nicht fassen, dass ausgerechnet Houver nicht studieren darf: „Wenn er eine Referenz braucht, von mir bekommt er sie.“

Eliyo Cetin, Chabos Anwalt, sieht sich indes mit seinem Latein am Ende. Schon vor einem Jahr habe er beim Landratsamt Heilbronn den Antrag auf Aufenthaltserlaubnis gestellt und mehrmals daran erinnert. Seiner Ansicht nach könnte die Ausnahmeregelung greifen, dass, wer seine Abschiebung nicht aktiv hintertrieben hat, nach 18 Monaten Duldung eine befristete Aufenthaltserlaubnis bekommt.

Schon mehrere Male sollten die Chabos abgeschoben werden, berichtet Houver. Doch die syrische Botschaft stellt keine Pässe aus, und so bleibt es bei der Duldung. Vielleicht, so überlegt Houver jetzt, liegt es an einer „Jugendsünde“? Mit 16 Jahren war er - „Ich hatte falsche Freunde“ - zu Arbeitsstunden verurteilt worden. Oder stellt sich das Ausländeramt stur, weil er neulich in seiner Aufregung laut geworden ist? Das Landratsamt gibt zu dem Fall Chabo keine Auskunft.