Winterliche Autobahnen bremsen Raubtier-Anreise

Heilbronn - Beim Weihnachtscircus auf der Theresienwiese wird bereits intensiv für die Premiere am Mittwoch geprobt. Der Schnee macht aber auch den Artisten mehr Schwierigkeiten als in den vergangenen Jahren.

Von Franziska Feinäugle

Eigentlich zeigen die 14 Artisten der Truppe Chernievski ihre Kunst erst ab Mittwoch auf der Heilbronner Theresienwiese. Trotzdem darf man unter den aktuellen Umständen durchaus davon sprechen, dass den russischen Schleuderbrett-Könnern bereits jetzt ein Kunststück gelungen ist: Ihre Maschine aus Moskau ist planmäßig in Stuttgart gelandet, in Zeiten winterlicher Flugausfälle keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Anders ging es da Alex Lacey. Der englische Raubtierdompteur ist mittlerweile zwar ebenfalls wohlbehalten zu seinen Heilbronner Weihnachtscircus-Kollegen gestoßen. Auf dem Weg hierher sorgte allerdings das Schneechaos auf nordrhein-westfälischen Autobahnen für erhebliche Verzögerungen: 26 Stunden brauchte Lacey für die letzten 600 Kilometer bis Heilbronn, mehrfach musste er ungeplante Zwischenstopps einlegen, um seine Löwen und Tiger zu füttern.

Nächtliches Heizen


„So viel Schnee hatten wir noch nie“, sagt Weihnachtscircusdirektor Sascha Melnjak, während in der Manege bereits die Proben für die 12. Weihnachtscircussaison laufen. Als es in der Nacht zum Freitag ununterbrochen schneite, „mussten wir die Heizungen durchlaufen lassen, damit der Schnee nicht auf dem Zelt liegenbleibt und die Last für die Planen nicht zu groß wird“, erzählt er.
Unterdessen bereiten am Rand der Manege Norbert, Ildiko und Edith ihre Muskeln auf die bevorstehende Nummer vor. Die drei Mittdreißiger bilden das ungarische Trio Laruss, und bei der Generalprobe am Mittwochvormittag werden ihre Körper von Kopf bis Fuß mit Goldfarbe eingerieben sein.

Jetzt stellen sie sich noch in gewöhnlichen Turnhosen und -hemden auf den Artistentisch in der Manegenmitte; aber ihre Goldmenschennummer sieht schon genauso beeindruckend aus, wie sie ab Mittwochnachmittag für die Augen der Zuschauer sein wird.

Kraftraubendes Tempo


Kraftakrobatik nennt sich ihre Kunst: Zu dritt zeigen sie schwerste Hebefiguren, die durch ihre Langsamkeit noch kraftraubender sind. Den Zuschauer kosten sie auch eine gewisse Anstrengung, denn es ist nicht leicht auseinanderzuhalten, wer gerade auf wessen Händen steht; ihre trainierten Körper werden zu einem.

Am Mikrofon gibt Regisseur Louis Knie Anweisungen an Kapellmeister Volodymyr Kozachuk, Lichtregisseur Enrico Zoppe und Oberrequisiteur Jenda Sperlich mit seinen elf Leuten. Bis ins Detail muss alles passen, das Publikum darf nicht merken, wie viel Arbeit hinter den Kulissen läuft. Der 59-Jährige aus der namhaften Zirkusfamilie Knie hat ein gutes Gespür für die Kleinigkeiten – und noch genau bis Mittwochfrüh Zeit, die verschiedenen Nummern zu einer perfekten Komposition zusammenzufügen. So lang er schon Zirkus macht, so sehr fasziniert Knie, „dass das so schnell geht. Fürs Theater oder eine Eisrevue wird wochenlang geprobt.“

Informationen im Internet: www.weihnachtscircus.com

Hintergrund
 
Viele Direktoren sehen zu

Bei den Vorstellungen des Heilbronner Weihnachtscircus werden von 22. Dezember bis 6. Januar viele Zirkusdirektoren im Publikum sitzen, die auf der Suche nach guten Nummern sind. Für die Artisten sind die Auftritte somit quasi gleichzeitig Bewerbungssituationen. Ein „Schlaraffenland für Direktoren“ nennt der Heilbronner Weihnachtscircusdirektor Sascha Melnjak die Wochen, in denen jetzt zeitgleich an vielen Orten Zirkusse gastieren: Auch er und sein Kollege Uwe Gehrmann suchen und finden die Nummern für Heilbronn im Lauf des Jahres auf diese Weise.