Mit Pappbahn gegen Stuttgart 21

Heilbronn/Stuttgart - "Oben bleiben, Mappus vertreiben": Mit Sprechgesängen wie diesem demonstrierten Samstagvormittag rund 70 Gegner des Stuttgart-21-Projekts in Heilbronn. Sie zogen mit Fahnen und Plakaten vom Hauptbahnhof zur Abschlusskundgebung am Hafenmarktturm.

Von ssp

Gut sieben Meter ist er lang und eineinhalb Meter hoch, der rote Regionalzug. Echt ist das gute Stück natürlich nicht. Die Waggons sind aus Pappe, werden von Bürgern getragen und sollen vor allem eines haben: Symbolcharakter.


Rund 70 Demonstranten haben sich am Samstagmorgen am Heilbronner Hauptbahnhof eingefunden, um unter dem Motto „Stuttgart 21 bremst den Nahverkehr aus“ gegen das umstrittene Bahnprojekt zu protestieren. Sie pfeifen, trommeln und ziehen mit Sprechchören durch die Innenstadt: „Oben bleiben, Mappus vertreiben“, lautet eine der Parolen, die bis zum Eintreffen des überschaubaren Demozuges am Hafenmarkt immer wieder zu hören ist.


Gemischte Reaktionen

Passanten in der Innenstadt sehen den Protest in unterschiedlichem Licht. „Die haben sich doch nicht mehr alle“, schimpft eine Frau und zieht an dem Zug vorbei, während sie sich mit dem Finger an die Stirn tippt. Eine 70-Jährige, die gerade in der Fußgängerzone unterwegs ist, ist ganz anderer Meinung: „Das ist klasse. So viele Milliarden fließen in das Projekt und gleichzeitig hört man immer, man habe kein Geld. Super, dass die Menschen sich wehren, es wäre schön, wenn es noch mehr wären.“ Etwas mehr Zuspruch hätte sich auch DGB-Regionssekretärin Silke Ortwein gewünscht. „Im Moment sind einfach so viele Veranstaltungen, da ist es schwer, die Leute auf die Straße zu bringen. Aber es ist wichtig, dass die Menschen uns hier sehen und erkennen, dass das Projekt kein reines Stuttgart-Problem ist“, findet sie.
 
Genau das wird bei der Kundgebung immer wieder herausgestellt. Auch von Jürgen Hellgardt vom Landesverband des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND). „650 Millionen Euro fließen aus der Region in das Projekt, die fehlen uns für den Ausbau des Regionalverkehrs.“ Das Infomobil auf dem Kiliansplatz, das für Stuttgart 21 wirbt, empfindet er als „albern“. „Da werden Halbwahrheiten verbreitet. Ich hätte mir gewünscht, dass die Politik mit uns spricht. Die Schlichtung hat nur gezeigt, dass es noch viel mehr Gesprächsbedarf gibt.“ Hellgardt fordert anstelle von Stuttgart  21 die Modernisierung des Kopfbahnhofs. Das würde Geld sparen und regionale Projekte wie die Zabergäubahn oder die Stadtbahn Künzelsau ermöglichen, findet er. Proteste sind in Hellgardts Augen wichtig. Er ist überzeugt: „Noch ist der Ausgang offen. Wir können viel bewegen.“
 
Landesweiter Protest

In rund 40 Orten in ganz Baden-Württemberg wiesen die Demonstranten am Samstag darauf hin, dass sich Stuttgart 21 negativ auf den Ausbau des Nahverkehrs auswirke. Zu der Aktion hatten das Kampagnennetzwerk Campact und der Landesverband des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) aufgerufen, auch „Heilbronner gegen Stuttgart 21“ sowie weitere Bündnisse und Parteien waren vertreten. BUND-Landeschef Berthold Frieß machte seine Position vor 200 Demonstranten in Stuttgart deutlich. Die Polizei sprach von 50 Demonstranten. Insgesamt zählten die Veranstalter landesweit 4500 Teilnehmer.