Gründe, warum Deutsche zum Islam übertreten

Unterländer Muslim nimmt Stellung zu Fragen, die der Fall des Terroristen Fritz G. aufwirft ­ Wie viele Konvertierte hier leben, dazu gibt es keine Zahlen

Von Franziska Feinäugle

hn, goppelstr., moschee, abdulhamid andreas tittus, okt. 01
Vor 22 Jahren zum Islam übergetreten: Abdulhamid Andreas Tittus.  
Fritz G. hat ein schlechtes Licht auf Konvertiten geworfen, auf Menschen, die zum Islam übergetreten sind: Der mutmaßliche Rädelsführer der vereitelten Terror-Anschläge ist ein solcher Religionswechsler.

Das schlechte Licht von Fritz G. strahlt auch auf die Region Heilbronn ab: Seit den Festnahmen werden Muslime im Allgemeinen und zum Islam konvertierte Deutsche im Besonderen deutlicher beargwöhnt als ohnehin schon. Wie viele Konvertiten im Stadt- und Landkreis Heilbronn leben, darüber existieren keine gesicherten Zahlen, selbst bei den Staatsschützern der Polizei nicht. Abdulhamid Andreas Tittus, als Sprecher des islamischen Dachverbands Heilbronn vielleicht der bekannteste zum Islam übergetretene Deutsche aus der Region, kennt „ungefähr zwanzig”, weiß aber auch: „Es gibt einige hier, die sich nicht nach außen hin zum Islam bekennen.”

Dass sie keinen Alkohol trinken, begründen diese Menschen laut Tittus gegenüber Kollegen mit etwas anderem als ihrer neuen Religion, und zwar „nicht aus konspirativen Gesichtspunkten”, sondern weil in Zeiten wie diesen „ein gewisser Druck auf Muslime” spürbar sei, „dem nicht jeder standhalten kann. Man merkt, dass das Klima rauer geworden ist.”

Tittus selbst ist als 24-Jähriger Muslim geworden, „weil ich im Christentum nicht das gefunden habe, was ich mir für mein Leben erhofft habe”. Mit der christlichen Dreifaltigkeit konnte er nicht viel anfangen. Am Islam gefiel ihm, dass er strikte „Grenzen aufzeigt, innerhalb derer man sich frei bewegen kann”. Seinem Taufnamen Andreas stellte er „Abdulhamid” voran, „der Diener des Preiswürdigen”.

Mit großer Erleichterung haben der 46-jährige Obersulmer und seine Familie die Nachricht von der Vereitelung der verheerenden Anschläge aufgenommen, weil, so sagt er bewusst in zweierlei Formulierung, die Festnahmen „die Bevölkerung und die Muslime vor großem Schaden bewahrt haben”. Terroristen wie Fritz G. sind für ihn „Irregeleitete, die ein Halbwissen haben und verbreiten” und „bei der allergrößten Zahl der Muslime hier und in der Lehre des Islam keinen Platz haben”.

Gibt es auch hier Menschen mit dem Potenzial eines Fritz G.? So deutlich sich Abdulhamid Tittus, Sprecher dreier islamischer Vereine Heilbronns, von solchen Menschen distanziert, so offen sagt er, dass er sie gegebenenfalls weder erkennen noch erreichen würde. „Die kommen in der Regel auch gar nicht mehr in die Moschee.” Unter den Terroristen im Namen des Islam seien „durchaus Leute, die sich gar nicht für die Religion interessieren”, sondern, vergleichbar den RAF-Angehörigen vor 30 Jahren, „aus politischen Motiven handeln, weil sie die Welt verändern wollen”.

Der Eindruck, Konvertiten seien oft radikaler als gebürtige Muslime, ist für Tittus eine „gefährliche Verallgemeinerung”: Die Mehrheit „versucht, den Dialog aufrechtzuerhalten”. Nach Stimme-Informationen gelten Konvertiten bei der Unterländer Kripo als besonders eifrig religiös und als besonders anfällig, wenn sie in die falschen Kreise geraten.