Zurück nach Good Old Germany? Nein, danke

    Von Alexander Hettich

    Eleonore und Heinz Daub sind Farmer in Wisconsin - Vor fast 30 Jahren haben sie Kleingartach verlassen

    Nachmittags gegen vier. Das ist eine gute Zeit, um Heinz Daub am Telefon zu erreichen. Dann ist es im 1300-Einwohner-Städtchen Loyal im Norden des US-Staates Wisconsin gerade neun Uhr morgens, und der 55-Jährige ist seit etwa vier Stunden auf den Beinen. Frühstückspause. Die 220 Kühe auf Daubs Milchfarm sind versorgt. „Hier hat es gerade minus 22 Grad, in den Ställen ist es nicht viel wärmer“, erzählt der Landwirt, der seine schwäbischen Sätze mit dem ur-amerikanischen „well“ garniert.

    Unsere eigene kleine Farm - ein Familienbetrieb, ein Angestellter. Für Heinz Daub und seine Frau Eleonore war das schon immer der große Traum. In ihrem Heimatort Kleingartach, wo schon Daubs Vater einen Hof bewirtschaftete, sahen sie keine Chance, ihre Pläne zu verwirklichen. „In Deutschland“, winkt der Wahl-Amerikaner ab, „sind die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft einfach zu schlecht.“ So zog es die Familie schon 1979 weg aus dem Kraichgau. Weit weg, nach Ontario in Kanada. „Wir haben unserer fünfjährige Tochter mitgenommen und zwei Koffer, sonst hatten wir ja nichts.“

    Zurück nach Good Old Germany? Nein, danke
    Heinz und Eleonore Daub mit ihrem Enkelkind: Schon 1979 ist das Paar mit der damals fünfjährigen Tochter nach Kanada ausgewandert.

    Foto: privat

     
    Keine drei Jahre später, nachdem Daub einige Zeit als Angestellter auf der Farm eines anderen deutschen Auswanderers und im Dienste eines Diplomaten gearbeitet hatte, übernahm die Familie den ersten eigenen Hof. Die Daubs sind mittlerweile kanadische Staatsbürger, doch 1995 packte sie wieder die Reiselust. „Weil es in den USA einfach mehr Möglichkeiten gibt.“ Nächste Station: Wisconsin. „Dairyland“ wird der Staat im Norden mit seiner geschätzten Million Milchkühe genannt.

    Das Milchland der USA. Aber kein Land, in dem Milch und Honig fließen. „Wer denkt, hier fliegen einem die gebratenen Täubchen in den Mund, der hat sich geschnitten“, hält Eleonore Daub wenig von Auswanderer-Romantik.

    Zurück nach Good Old Germany? Nein, danke
    Ländliche Idylle: Die Milchwirtschaft prägt den US-Staat Wisconsin, der für die ehemaligen Kleingartacher zur Wahlheimat geworden ist.

    Foto: Great Lakes of North America

     
    Auf 90 Arbeitsstunden pro Woche bringen es die Farmer. „Wer hier arbeiten will, der findet Arbeit“, sieht der ehemalige Kleingartacher den Hauptunterschied zu Good Old Germany, dem er nicht allzusehr nachtrauert. „Hier ist man einfach viel freier.“ Beispiel Bürokratie. Wenn Daub auf seinem Farmgelände etwas bauen will, ruft er einen Bauunternehmer an. „Da muss man nicht lange den Genehmigungen hinterherrennen.“

    Nichts, was er vermisst? Doch. „Den Stammtisch in der Dorfkneipe“ vielleicht. Und die alten Freunde und Verwandten, denen die Daubs regelmäßig Besuche abstatten. Ansonsten lässt sich das Heimweh in Wisconsin gut kurieren. Der Großteil ihrer Freunde in Loyal und Umgebung sind Europäer, darunter viele Niederländer. „Die Mentalität ist einem doch näher als die amerikanische.“ Die „German Bratwurst“ ist inoffizielles Nationalgericht des Staates. Spezialitätenläden in der Hauptstadt Madison, zweieinhalb Stunden entfernt von Loyal, führen Schinken und Schwarzbrot. Und die Auswanderergemeinde pflegt die Bräuche, bis zum Oktoberfest nach bayerischem Vorbild.

    „Die Deutschen hier“, findet Daub, „sind traditionsbewusster als die in Deutschland.“ Den Schritt, ihr Glück in einem anderen Erdteil zu suchen, haben die Kleingartacher „keine Sekunde bereut“. Rückkehr ausgeschlossen. Aber in Wisconsin möchten sie auch nicht bis ans Ende ihrer Tage bleiben. „Als Altersruhesitz“, sagt Daub, „suchen wir uns einen Ort aus, wo es wärmer ist als hier.“

    Well. Mittlerweile ist es fast zehn geworden. Genug geplaudert. Die Arbeit wartet. Das Land der Träume ist kein Land für Tagträumer.

     



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