Wer impft? Verwirrung ist groß

    Von Carsten Friese und Andreas Tschürtz

    Wer impft? Verwirrung ist groß

    "Die Politik hat versagt. Man lässt einen in der Luft hängen."

    Sibylle Schirrle, Impfwillige

     

    Region Heilbronn/Hohenlohe - Für Sibylle Schirrle war es eine kleine Odyssee. Die 42-Jährige wollte sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Als ihr Hausarzt vom noch nicht vorrätigen Impfstoff sprach, telefonierte sich die Widdernerin die Finger wund. Krankenkasse, Gesundheitsamt, niemand konnte ihr eine Auskunft geben, welcher Arzt in ihrer Umgebung den Piks derzeit setzt.

    Erfolglos

    Mehrere Anrufe im Sozialministerium blieben erfolglos, weil, so Schirrle, bei den zuständigen Stellen "entweder besetzt war oder niemand abnahm". Erst nach Anfragen in Apotheken erfuhr die zweifache Mutter, wo Ärzte Impftermine anbieten. "Die Politik hat total versagt. Man lässt einen in der Luft hängen."

    Auch der Heilbronner Günter Müller (63) hat einige Anrufe hinter sich - aber noch keine Schweinegrippeimpfung. Sein Hausarzt impfe nicht, erfuhr er. Im Gesundheitsamt wurden ihm zwei Ärzte in Pfaffenhofen und in Weinsberg genannt. "Ich habe kein Auto. Wie soll ich da hinkommen?", fragt Müller.

    Freiwillig

    Seit Monaten wird über die Schweinegrippe und den Impfstoff diskutiert, doch jetzt, da alles anläuft, stottert der Motor in Baden-Württemberg gewaltig. Die Kassenärztliche Vereinigung bestätigt, dass die Teilnahme der Ärzte an der Impfung "ebenso freiwillig ist wie die von Bürgern", sagt eine Sprecherin. Seit gestern wird eine Liste teilnehmender Ärzte im Internet veröffentlicht. Jeder Rücklauf von Ärzten wird neu eingegeben. Auch der Hausärzteverband hat inzwischen eine Liste ins Internet gestellt.

    Defizit

    Die Frage bleibt: Muss bei der Information der Bürger solch ein Wirrwarr herrschen? Heilbronns Ärztesprecher Martin Uellner bemüht sich seit gut zwei Wochen um den Impfstoff und hat noch keinen erhalten. Auf seiner Impfliste stehen 15 Patienten. "Da liegt einiges im Argen", kritisiert er. Er sieht ein Informationsdefizit. Ein Großteil der Ärzte sei bisher sicher nicht bereit gewesen, zu impfen. "Wir bekamen keine Informationen über die Abrechnung, keine über die Nebenwirkungen." Sein Fazit: Die Ärzte "wurden im Stich gelassen".

    Einen massiven Nachschubmangel bestätigt das Sozialministerium. Von 900 000 zugesagten Impfdosen habe die Herstellerfirma bisher nur rund 312 000 geliefert, sagt Sprecherin Marion Deiß. Eine Logistikfirma verteile die Ampullen so im Land, "dass wenigstens jede fünfte Apotheke über den Impfstoff verfügt". Kommende Woche werden weitere 200 000 Portionen ausgeliefert.

    Im Gesundheitsamt des Landkreises beobachtet Karlin Stark eine Zunahme der gemeldeten Verdachtsfälle und Anfragen in dieser Woche. Sie hat das Gefühl, dass bei den bislang eher impfunwilligen Menschen "die Einstellung langsam kippt".

    Sibylle Schirrle hat die Impfung inzwischen hinter sich. Sie bekam die Spritze bei einem Kinderarzt im 25 Kilometer entfernten Öhringen.

    Fallzahlen, Ärzteliste

    37 bestätigte Schweinegrippe-Erkrankungen meldete bis Donnerstag das Gesundheitsamt der Stadt Heilbronn, 96 Fälle das Landratsamt. Die Fallzahlen nehmen zu. Einige wenige Krankenhauseinweisungen waren dabei, aber keine schweren Verläufe. Eine Liste mit Ärzten, die gegen das H1N1-Virus impfen, erstellt derzeit die Kassenärztliche Vereinigung.

    Im Internet sind erste Teillisten einsehbar. Adresse: www.kvbawue.de.
    Eine Info-Hotline hat die Ärztevereinigung zudem geschaltet: Patiententelefon MedCall, 0 18 05 / 6 33 22 55(14 Ct/Min.).




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