Traubenpflücken neben Schwarzbären

    Von Adrian Hoffmann

    Die Familie Heinecke hat ein neues Ländle gefunden: British Columbia, der kanadische Südwesten. Sie lebt in der Umgebung von Penticton im so genannten Okanagan Valley, eine Tiefebene mit den klimatischen Bedingungen einer Halbwüste. Zwischen Extremen. Im Winter sind die Minusgrade zweistellig, im Sommer gibt es Tage, die über 40 Grad warm sind. „Wir haben Klapperschlangen und Skorpione“, sagt Olaf Heinecke. Und jede Menge Wein.

    Einst Geschäftsführer Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern war Olaf Heinecke, geboren in Leipzig, viele Jahre lang im beschaulichen Bad Rappenauer Teilort Babstadt angesiedelt. Damals war er Geschäftsführer einer Entwicklungsgesellschaft. Und dort hatte Sohn Sascha einen Freund, dessen Eltern in Kanada arbeiteten. Also gingen Heineckes eben auch mal nach Kanada in Urlaub. Das fing 1990 an, und fünf Jahre später war es dann soweit: Heineckes verkauften die Gesellschaft. Tschüss Kraichgau. Hi, Canada!

    Traubenpflücken neben Schwarzbären
    Familie Heinecke macht es sich in ihrem sechs Hektar großen Weinberg gemütlich. Dort kann es auch vorkommen, dass mal ein Schwarzbär zwischen den Reben auftaucht. Denn es gibt hier noch ein wenig mehr Wildnis als in Babstadt.

    Foto: privat

     
    Es gibt Menschen, die könnten es sich niemals vorstellen, auszuwandern. Und es gibt Menschen, die träumen ihr Leben lang davon. Und dann gibt es die dritte Kategorie: Menschen, die es einfach machen. Natürlich gehören gewisse Voraussetzungen dazu. Durch seinen Job hatte Olaf Heinecke ein finanzielles Polster. Durch die Tatsache, dass er gelernter Zimmermeister ist, jede Menge Ahnung davon, wie man sich ein Haus baut. Fehlte nur noch der eigene Weinberg, nach dem sie aber auch nicht lange gesucht haben. Sie kannten sich schon aus, nachdem sie Freunden beim Anbau halfen. Die Kinder haben das schnell gelernt. Ann Heinecke, 28 Jahre alt, ist in der Zwischenzeit Vinologin, Sascha Heinecke, 31 Jahre alt, Hotelfachmann. Sabine Heinecke, 49 Jahre alt, ist Maschinenbau-Ingenieurin. Den Eltern bleibt also der technische und bauliche Part übrig, aber das können sie ja.

    Der Wein in Kanada ist reifer

    Traubenpflücken neben Schwarzbären
    Achtung, hier beginnt das Reich der Tiere - gekennzeichnet mit einem Schild. 
    Heute produzieren sie auf ihrem Weingut Crowsnest (Krähennest) 75 000 bis 80 000 Liter Wein im Jahr, das entspricht knapp 100 000 Flaschen. Es gibt Charonnay (Best in Canada 2005), Riesling, Gewürztraminer, Blauburgunder und Merlot. Sie haben sechs fest Angestellte und Helfer zur Ernte, zum Schneiden und im Verkauf. „Das Geschäft läuft top“, sagt Olaf Heinecke, „aber erst nach schweren Anfängen.“ 20 000 Kunden haben sie im Jahr, die gerne auch ihr zugehöriges Restaurant besuchen. Der Wein bleibt im Bundesstaat, exportiert wird nicht. Heineckes Meinung nach kann deutscher Wein mit kanadischem Wein natürlich nicht mithalten. Kanadischer Wein zeichne sich vor allem durch Qualität aus, sagt er. „Wir haben Sonne und Wasser ohne Ende. Euer Riesling wird ab 69 Öxle runter genommen, unserer ab 90 Öxle.“ Der Wein sei also reifer in Kanada.

    Nach einem ersten Kulturschock hat sich die Babstadter Familie an ihre neue Heimat gewöhnt. „Es gibt hier nichts Altes“, sagt Olaf Heinecke. „Nichts hat Bestand, keine Historie, keine Vergangenheit.“ Keine Burgen, keine Kirchen, kein richtiges Theater. „Wenn ich ins Theater will, muss ich nach Vancouver fliegen“, sagt er.

    Da fliegt er lieber gleich back to Germany, einmal im Jahr geht das. Immer Ende November, Anfang Dezember, damit er auf den Weihnachtsmarkt kann. Auf der Suche nach traditionellem, stilvollen Weihnachten. Die bunt leuchtenden Rehe, die einem von manchen kanadischen Vorgärten aus zunicken, die gehen ihm auf die Nerven. „So ein Kitsch.“ Also muss er die Kultur eben nach Kanada bringen. Indem er einen Mini-Weihnachtsmarkt auf seinem Weingut nachstellt.

    Dafür hat der kulturfreie Raum auch Vorteile: Wenn Olaf Heinecke sein Haus verlässt und auch die Straße, steht er in der tiefsten Wildnis. Vor gar nicht allzu langer Zeit noch besaß er Pferde, mit denen er stundenlang durch die Berge ausgeritten ist. „Diesen Stress, diese deutsche Hektik, die gibt es hier nicht“, sagt Heinecke. Mittlerweile widmet er sich gerne der Jagd. Fischen ist das eine - Lachse hängen ihm fast schon zum Hals raus.

    Es halten sich hier aber jede Menge anderer wilder Tiere auf. Hirsche, Elche, auch auf Schwarzbären trifft man gelegentlich, eine Begegnung mit einem Grizzly blieb ihm glücklicherweise bislang erspart, sie beobachtet er lieber von der Ferne. Was seiner Familie und ihm so gut an der Natur gefällt, bringt er am besten mit einem einzigen Satz auf den Punkt: „Du bist hier allein.“

     



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