Traubenpflücken neben Schwarzbären
Von Adrian Hoffmann
Die Familie Heinecke hat ein neues Ländle gefunden: British Columbia, der kanadische Südwesten. Sie lebt in der Umgebung von Penticton im so genannten Okanagan Valley, eine Tiefebene mit den klimatischen Bedingungen einer Halbwüste. Zwischen Extremen. Im Winter sind die Minusgrade zweistellig, im Sommer gibt es Tage, die über 40 Grad warm sind. „Wir haben Klapperschlangen und Skorpione“, sagt Olaf Heinecke. Und jede Menge Wein.
Einst Geschäftsführer Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern war Olaf Heinecke, geboren in Leipzig, viele Jahre lang im beschaulichen Bad Rappenauer Teilort Babstadt angesiedelt. Damals war er Geschäftsführer einer Entwicklungsgesellschaft. Und dort hatte Sohn Sascha einen Freund, dessen Eltern in Kanada arbeiteten. Also gingen Heineckes eben auch mal nach Kanada in Urlaub. Das fing 1990 an, und fünf Jahre später war es dann soweit: Heineckes verkauften die Gesellschaft. Tschüss Kraichgau. Hi, Canada!
Foto: privat
Der Wein in Kanada ist reifer
Heute produzieren sie auf ihrem Weingut Crowsnest (Krähennest) 75 000 bis 80 000 Liter Wein im Jahr, das entspricht knapp 100 000 Flaschen. Es gibt Charonnay (Best in Canada 2005), Riesling, Gewürztraminer, Blauburgunder und Merlot. Sie haben sechs fest Angestellte und Helfer zur Ernte, zum Schneiden und im Verkauf. „Das Geschäft läuft top“, sagt Olaf Heinecke, „aber erst nach schweren Anfängen.“ 20 000 Kunden haben sie im Jahr, die gerne auch ihr zugehöriges Restaurant besuchen. Der Wein bleibt im Bundesstaat, exportiert wird nicht. Heineckes Meinung nach kann deutscher Wein mit kanadischem Wein natürlich nicht mithalten. Kanadischer Wein zeichne sich vor allem durch Qualität aus, sagt er. „Wir haben Sonne und Wasser ohne Ende. Euer Riesling wird ab 69 Öxle runter genommen, unserer ab 90 Öxle.“ Der Wein sei also reifer in Kanada.
Nach einem ersten Kulturschock hat sich die Babstadter Familie an ihre neue Heimat gewöhnt. „Es gibt hier nichts Altes“, sagt Olaf Heinecke. „Nichts hat Bestand, keine Historie, keine Vergangenheit.“ Keine Burgen, keine Kirchen, kein richtiges Theater. „Wenn ich ins Theater will, muss ich nach Vancouver fliegen“, sagt er.
Da fliegt er lieber gleich back to Germany, einmal im Jahr geht das. Immer Ende November, Anfang Dezember, damit er auf den Weihnachtsmarkt kann. Auf der Suche nach traditionellem, stilvollen Weihnachten. Die bunt leuchtenden Rehe, die einem von manchen kanadischen Vorgärten aus zunicken, die gehen ihm auf die Nerven. „So ein Kitsch.“ Also muss er die Kultur eben nach Kanada bringen. Indem er einen Mini-Weihnachtsmarkt auf seinem Weingut nachstellt.
Dafür hat der kulturfreie Raum auch Vorteile: Wenn Olaf Heinecke sein Haus verlässt und auch die Straße, steht er in der tiefsten Wildnis. Vor gar nicht allzu langer Zeit noch besaß er Pferde, mit denen er stundenlang durch die Berge ausgeritten ist. „Diesen Stress, diese deutsche Hektik, die gibt es hier nicht“, sagt Heinecke. Mittlerweile widmet er sich gerne der Jagd. Fischen ist das eine - Lachse hängen ihm fast schon zum Hals raus.
Es halten sich hier aber jede Menge anderer wilder Tiere auf. Hirsche, Elche, auch auf Schwarzbären trifft man gelegentlich, eine Begegnung mit einem Grizzly blieb ihm glücklicherweise bislang erspart, sie beobachtet er lieber von der Ferne. Was seiner Familie und ihm so gut an der Natur gefällt, bringt er am besten mit einem einzigen Satz auf den Punkt: „Du bist hier allein.“
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