Schweinegrippe: Was tun, wenn Symptome da sind?

    Von Carsten Friese und Ulrike Bauer

    Was tun, wenn Symptome da sind?

    "Ich beobachte völlig irrationale Ängste vor der Grippe."

    Dr. P. Liebert

     

    Schweinegrippe - Verunsicherung, Unklarheit, Missverständnis: Weil ihre Tochter Esra (9) mit hochrotem Kopf und Fieber von der Grundschule nach Hause geschickt wurde, rief die Heilbronnerin Nese Alaca (30) besorgt beim Kinderarzt an. Die Antwort, die sie nach ihren Angaben von einer Arzthelferin erhielt, hat sie geschockt. Für Patienten mit Grippesymptomen gebe es keine Termine. Der Arzt untersuche zudem nicht auf Schweinegrippe - was er in der Tat nicht muss. Der Rat der Praxisangestellten, wie die Mutter ihn vernahm: das Kind zu Hause behalten, Schmerzmittel geben und beobachten.

    Auch eine Fahrt zur Kinderklinik blieb nach Angaben der Mutter ohne Erfolg. Warum sie nicht beim Kinderarzt sei und dass man in der Klinik weder einen Test mache noch Impfstoff habe, erfuhr sie am Empfang. Ein befreundeter Allgemeinarzt untersuchte letztlich das Kind. Diagnose: Schweinegrippe.

    Allein gelassen

    Nach der Behandlung zu Hause mit fiebersenkendem Mittel geht es Esra besser. Die Mutter beklagt jedoch, dass sie sich zuvor "allein gelassen und völlig verloren" vorgekommen sei. Man habe ja nicht gewusst, was die Kleine hat.

    "Natürlich behandeln wir Patienten mit Grippesymptomen", sagt der zuständige Kinderarzt. Wenn jedoch die Praxis übervoll sei und kein lebensbedrohlicher Fall vorliege, könne man nicht erwarten, sofort einen Termin zu bekommen. Viele Eltern seien inzwischen panisch. Ein Missverständnis oder eine ungeschickte Formulierung der Sprechstundenhilfe will er nicht ausschließen. Einen akuten Notfall "darf man nicht abweisen", sagt Dr. Gisela Dahl vom Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg. Es sei aber in solch einem Fall nicht ganz falsch, erst abzuwarten, wie sich das Fieber entwickele.

    38,5 Grad

    Eine Telefondiagnose "funktioniert vor allem bei Kindern nicht", sagt Professor Walter Kachel, Leiter der Heilbronner SLK-Kinderklinik. Er rät Eltern, Säuglinge und Kinder, die über 38,5 Grad Fieber haben, "grundsätzlich" vom Kinderarzt ansehen zu lassen. Weil hohes Fieber auch ein Frühzeichen von Hirnhautentzündungen oder Blinddarmproblemen sein könnte. Stark fiebrige Kinder mit auffälligem, sehr schnellem Atem oder starker Bewusstseinsänderung (Wegdämmern) seien dann ein Fall für die Kinderklinik.

    Der übliche Verlauf der Schweinegrippe wird dagegen zu Hause in den eigenen vier Wänden behandelt. Grundregeln: viel Bettruhe, viel trinken, fiebersenkende Mittel nehmen. "In der Regel", sagt Kachel, sei das Fieber nach vier, fünf Tagen wieder weg und die Kinder seien danach noch zwei Tage matt.

    Angehörige von grippekranken Kindern sollten Nahkontakt (unter zwei Metern) möglichst vermeiden und die Räume drei- bis viermal am Tag gut lüften; nach notwendigen Nahkontakten (Mundschutz empfehlenswert) sollten die Hände gewaschen oder desinfiziert werden.

    Der Aufklärungsbedarf ist groß. "Ich beobachte völlig irrationale Ängste vor der Schweinegrippe", sagt Dr. Peter Liebert vom Heilbronner Gesundheitsamt. "Da wollen Leute von mir wissen, ob sie noch im Supermarkt einkaufen oder in die Kirche gehen dürfen."

    Angst macht sich auch bei Angehörigen breit, wenn es in Kindergärten oder Schulen Grippefälle gibt. Viele Eltern lassen dann vorsorglich ihr Kind daheim. "Das bringt eigentlich nichts", sagt Liebert. Denn einige Tage später seien wieder andere Kinder erkrankt. "All diese Infektionserkrankungen werden bestimmt noch den ganzen Winter auftreten", mahnt er zu mehr Gelassenheit.

    Schweinegrippe Keine Klarheit bei verweigertem Grippe-Test

    „Kein Arzt will meine kranke kleine Tochter auf Schweinegrippe testen, nicht mal, wenn ich den Test selbst bezahle.“ Die Mutter aus Bad Friedrichshall, die sich bei unserer Zeitung meldete, ist empört. Mehrere Ärzte hat sie vergeblich um einen Test gebeten.

    Die Frage, die nicht nur sie in diesen Tagen umtreibt: „Gegen was genau sollen wir uns in der Familie noch schnell impfen lassen, wenn wir nicht wissen, was ein bereits erkranktes Familienmitglied hatte?“ Hat das Mädchen im konkreten Fall die Schweinegrippe, würden alle noch zur saisonalen Grippeimpfung gehen, aber nicht mehr zur Schweinegrippe. Denn der Rest der Familie zeigte bereits ähnliche, wenn auch leichtere Symptome als das kleine Mädchen. Ist es nur eine schwere fiebrige Erkältung, wäre der Pieks sowohl gegen die saisonale als auch gegen die Schweinegrippe angezeigt. Unnötig soll kein Familienmitglied geimpft werden – auch wegen der Kosten.

    Keine Wintergrippe derzeit

     „Auf diese Frage warte ich schon lange“, sagt Dr. Martin Uellner, Ärztesprecher und Internist aus Heilbronn und ist ein wenig ratlos. Ausschließen könne er im Augenblick guten Gewissens die saisonale Wintergrippe: „Die hat hier noch keiner.“ Dass viele Unterländer Ärzte nicht mehr auf Schweinegrippe testen, ist Fakt. Weil die Fallzahlen stark anstiegen, die Verläufe aber fast immer glimpflich waren, hat das Bundesgesundheitsministerium die Meldepflicht aufgehoben. Nur bei Risikopatienten mit Vorerkrankungen wird ein Labortest als notwendig eingestuft.

    Gleichzeitig darf eine Kassenleistung aber nicht in Rechnung gestellt werden, selbst wenn der Patient sie privat bezahlen würde. Der Mutter rät Uellner, noch mal mit dem Kinderarzt zu sprechen. Die saisonale Grippeimpfung empfiehlt er auf jeden Fall. „Sie hat keinerlei Nebenwirkungen.“





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