Eine Art Allgäu, in dem Avocados wachsen

    Von Adrian Hoffmann

    Die Familie legt Wert auf Selbstversorgung. Das komme wahrscheinlich aus ihrer Zeit in einer Grünen-WG, vermutet Stephanie Michel. Aber auf ihrem neuseeländischen Grundstück bietet sich das ja an. Dort wächst Obst und Gemüse ohne Ende, selbst Avocados haben sie im Angebot. „Mein Frühstück nehme ich im Garten zu mir, ein halbes Kilo Heidelbeeren“, sagt die Fotografin, die zwischenzeitlich zur begeisterten Farmerin wurde. „Ich fühle mich privilegiert. Wo kann man das schon?“

    Stephanie Michel ist in Bad Rappenau aufgewachsen, sie ist die Tochter des Gemeinderats Hans-Jürgen Thiel. Seine Frau und er bedauern die lange Anreise nach Neuseeland, freuen sich aber jedesmal umso mehr auf die vier Enkelkinder, die sie heute haben. Stephanie Michel und ihre Familie fühlen sich auf der Nordinsel in der Nähe der Stadt New Plymouth („unser Stuttgart“) heimisch. Sie haben gerade Hochsommer, richtig warm ist es allerdings noch nicht. Es hat zwischen 20 und 25 Grad. Dafür werde es hier aber auch nie richtig kalt, sagt Michel. Und zum schwarzen Strand sind es nur 20 Minuten. „Die Kinder lieben es, nach Krabben zu wühlen.“

    Eine Art Allgäu, in dem Avocados wachsen
    Stephanie Michel mit ihren vier Kindern auf einem Schlepper: DIe Selbstversorgung aus dem landwirtschaftlichen Betrieb ist der geborenen Thiel sehr wichtig,. Wahrscheinlich komme das aus ihrer Zeit in einer Grünen-WG, vermutet sie.

    Fotos: privat

     
    Michels haben lange nach einem geeigneten Platz für ihre Schaf-Farm gesucht. Die 125 Hektar, die sie jetzt besitzen, entsprechen genau ihren Vorstellungen. Es sei ein bisschen wie im Allgäu, so ihr Vergleich. Hügelig und grün, und viel neuseeländischer Farn. Der nächste Nachbar wohnt einen Kilometer entfernt. Und selbst Menschen, die 20 Kilometer entfernt wohnen, gelten noch als Nachbarn. „Es gibt so viel Platz hier“, sagt Stephanie Michel. „Wenn uns drei Autos entgegenkommen, fragen wir uns, wo die Party steigt.“

    An Weihnachten vor drei Jahren war Stephanie Michel das letzte Mal in Deutschland. Als sie am Frankfurter Flughafen ankam, hätte sie am liebsten eine Kehrtwendung gemacht. Es ist alles so hektisch hier, und es ist kalt. Dann doch lieber im warmen Neuseeland Ziegen melken, Joghurt und Käse machen - und ein entspanntes Leben führen, regelmäßig mit Besuchern aus aller Welt. Deutsche Traditionen erhält sich die Familie ja ein Stück weit. Am St. Martinstag machen sie einen Laternenumzug, gemeinsam mit einer deutschen Auswanderergruppe, die sich regelmäßig trifft. Den Kindern gefällt’s, genauso wie übrigens die gelegentlichen Spontanausflüge ihrer Familie. Wenn sie Lust haben, gehen die Michels schon mal einen Tag lang Fischen oder klettern den nächstgelegen Berg hinauf.

    Eine Art Allgäu, in dem Avocados wachsen
    So sieht Michels Nueseeland aus, im Hintergrund ein Vulkan. 
    „Wir erleben hier immer wieder Abenteuer“, sagt Stephanie Michel. Damit meint sie die kleinen Abenteuer des Alltags. Wenn Schafen mit einem Notkaiserschnitt geholfen werden muss, die Lämmer mit der Flasche aufgezogen werden - das ist Michels privates Idyll. Nur dass Zitrusfrüchte in ihrem Garten noch nicht so recht wachsen wollen, das stört sie ein bisschen. „In Deutschland gehörten wir zu den chronischen Aldi-Einkäufern“, sagt sie und lacht, „jetzt haben wir größte Freude daran, unsere eigenen Produkte zu essen.“

    Manchmal kommen auch Nachbarn zum Tee vorbei, oder gleich zum Abendessen. In Neuseeland sei man da unkompliziert, sagt Michel. Das liegt wohl auch daran, dass Neuseeland eine ganze Nation an Auswanderern ist. „Ich denke sogar schon auf Englisch“, sagt Michel. Einmal in der Woche stellt sie das aber ab und telefoniert mit ihren Eltern. „Ich habe das Gefühl, ich bin ihnen nah“, sagt sie.

     



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