Die Liebe braucht keine Rettungsleinen
Von Simon Gajer
Die Liebe brachte Ralf Hettler nach Buenos Aires. Der 41-Jährige, der in Adelshofen und Gemmingen gelebt hat, hat in den 90er-Jahren seine Brieffreundin Mariela geheiratet.
Dass er sein Glück nun in Argentinien gefunden hat, ist in gewisser Weise ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken. Über die Zeitschrift Spermüll suchte er Kontakt ins Ausland, und schnell fiel die Wahl auf Argentinien. Das restliche Angebot kam für ihn nicht in Frage. „Das Land war am weitesten entfernt.“ Denn irgendwie ging es ihm um die Erweiterung des Horizontes, sagt er. Ein paar Bekannte hatte er so bekommen, darunter Mariela. Doch nach den ersten Zeilen über den Atlantik „habe ich es schleifen lassen“. Über mehrere Monate kamen keine Worte mehr von ihm, bis sie seine Briefe wieder entdeckte - ihm erneut schrieb, und bei den Olympischen Sommerspielen in Barcelona 1992 trafen sie sich zum ersten Mal.
Irgendwann reichte es dem Paar nicht mehr, hohe Telefonrechnungen anzuhäufen und regelmäßig im Flieger zu sitzen: Er plante seinen Abschied. „Typisch Deutsch“, erinnert er sich, sei sein Verhalten aber bis zum Abflug aus dem Kraichgau gewesen. Der gelernte Fotograf hatte versucht, „ein paar Rettungsleinen zu legen“. Sprich: Der einstige Gemminger wollte sichergehen, wieder zurückkommen und sein Leben wie gewohnt weiterführen zu können. Sein Chef wollte ihm aber keine zwölf Monate dauernde Auszeit geben. Und so flog er 1994 los - „mit rudimentären Spanischkenntnissen“.
Geld verdienen, an der Uni die Sprache lernen: Beim Einstieg in die neue Heimat haben ihm seine Schwiegereltern sehr geholfen. „Ich hatte das Glück, dank Mariela in eine Familie zu heiraten, die mich wie einen verlorenen Sohn aufgenommen hat.“ Seinen Beruf hat er von Deutschland mitgebracht - derzeit fotografiert er für kanadische und amerikanische Firmen.
Typisch Deutsch - manches hat Ralf Hettler in seinen 13 Jahren nicht ablegen können. Dass er etwa darüber rätselt, welch sonderbare Wege die Bürokratie manchmal geht. „Hier ist’s normal, dass etwas nicht funktioniert.“ Doch so sehr er sich manchmal wundert, so sehr ist er manchmal bereits ganz Argentinier: Als nach einem blutigen Putsch mit wochenlangen Demonstrationen im Jahr 2001 die Währung in den Keller sackte, Menschen auf 30 Prozent ihres Einkommens verzichten mussten - da ging das Leben im südamerikanischen Land trotzdem weiter. „Wenn das in Deutschland passiert wäre“, vermutet er, „hätte das zu einem Zusammenbruch geführt.“ Die Argentinier seien hingegen daran gewöhnt, dass es bergauf und bergab gehe. Hilfe bieten Großfamilien: Sie halten zusammen. Anders Deutschland: „Da höre ich meist mehr Klagen als bei uns - sei es die Arbeitslosenquote oder wie doch alles immer teurer werde, die höhere Mehrwertsteuer.“
Der Großraum Buenos Aires mit 14 Millionen Einwohnern ist für den gebürtigen Kraichgauer schon lange keine Großstadt mehr. Es ist eine Megapolis. Einkaufsläden haben rund um die Uhr geöffnet, die Straßen sind verstopft. Zu schaffen macht ihm das Klima: Die Luftfeuchtigkeit liegt an manchen Tagen bei über 90 Prozent.
Nicht in allem unterscheiden sich die Bürokraten. Er schmunzelt: Es geht um die Tochter, die wohl im Juli auf die Welt kommt. Ralf und Mariela wollen sie Annica taufen. Doch bislang wollen die Argentinier entweder Anica oder Annika zulassen. Der Familienvater bleibt aber optimistisch. In 13 Jahren hat er eines gelernt: „Hier gibt es immer ein ,Wenn und Aber‘.“
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