Mediziner dringend gesucht

Region  Die Bürgermeister in der Region fordern einen Rechtsanspruch auf Hausärzte. Viele Leser halten dies für überzogen.

Von Reto Bosch und Valerie Blass

Mediziner dringend gesucht

 

Dem ländlichen Raum kommen die Hausärzte abhanden. Und da immer weniger Mediziner bereit sind, Praxen in kleineren Kommunen zu übernehmen, wird sich dieses Problem verschärfen. Der Gemeindetag fordert einen Rechtsanspruch für eigenständige Städte und Gemeinden auf mindestens einen niedergelassenen Hausarzt. Dieses Ansinnen unterstützen die Landkreis-Bürgermeister einstimmig. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) hält nichts von dieser Idee. 

Auch unsere Redakteurin Valerie Blass hält dies für eine lächerliche Forderung (siehe Kommentar unten). Viele Leser pflichten ihr bei und sprechen von „überbordendem Staatsdirigismus“, der Motivation und Idealismus von Ärzten kaputt macht.

Reaktion unserer Leser

"Ihr Streiflicht  'Lächerlich' trifft sicherlich zu. Allmählich meint man, auf alles müssten wir Bürger einen - einklagbaren - Rechtsanspruch haben. Also schnelles Internet, Kita Platz, besonders niedrige Tarife für Telefon und Internet, bezahlbaren Wohnraum,  Freie Fahrt für freie Bürger und nun auf einen Hausarzt in jedem Dorf. Das geht nun wirklich zu weit."

"Die junge Ärztegeneration sucht, wenn sie überhaupt in die freie Praxis geht, primär persönlich wenig einschränkende Arztsitze. Diese sollten auch noch ohne allzu großes Engagement möglichst ertragreich sein. Dies alles kann eine Landpraxis nicht bieten."

"Ein freier Beruf, dessen wirtschaftliches Überleben von Kompetenz und Arbeitskraft eines Einzelnen abhängig ist, kann nicht bestehen, wenn er, wie seit Jahrzehnten erlebt, permanent von staatlichen Institutionen drangsaliert und reglementiert wird."

In Untereisesheim und Lehrensteinsfeld gibt es nach Angaben des Gemeindetags derzeit gar keine Hausärzte. Kommunen wie Neckarwestheim, Brackenheim oder Neudenau sind schon heute unterversorgt. Zumindest dann, wenn man den Verteilungsschlüssel der Bedarfsplanungsrichtlinie als Maßstab nimmt. Demzufolge soll pro 1671 Einwohner eine Hausarztpraxis zur Verfügung stehen. Große Städte wie Heilbronn, Neckarsulm, Bad Rappenau oder Eppingen stehen vergleichsweise gut da.

Diagnose

Die Diagnose der Bürgermeister ist klar: Sie sehen vor allem ein Verteilungsproblem. "Es bedarf mehr Steuerungs- und Gestaltungswillen der Verantwortlichen", sagt Harry Brunnet. Er ist Verwaltungschef in Hardthausen und Vizepräsident des Gemeindetags Baden-Württemberg. Im Blick hat Brunnet dabei den Gesetzgeber und die Kassenärztliche Vereinigung, das Selbstverwaltungsorgan der Mediziner. Er betont, dass es grundsätzlich nicht Aufgabe der Kommunen sei, die ärztliche Versorgung sicherzustellen. "Wir werden nicht als finanzieller Lückenbüßer in die Bresche springen."

Eine Stadt oder Gemeinde muss sich auf genügend Allgemeinmediziner stützen können. Unter einem Mangel leiden die Bürger, stimmt dieser Standortfaktor nicht, bringt dies dem ganzen Gemeinwesen Probleme. Deshalb hält der Gemeindetag den Rechtsanspruch für sinnvoll. Der Bund solle dies gesetzlich regeln, Aufgabe der ärztlichen Selbstverwaltung sei es, die Umsetzung zu garantieren. Kritik übt Brunnet auch an den Planungsgrundlagen. Derzeit erfolge die Bedarfsplanung unter anderem auf Basis festgelegter Mittelbereiche, die mehrere Kommunen umfassen können. Diese seien oft ungeeignet, weil sie zu großflächig sind und den Versorgungsgrad einzelner Städte und Gemeinden nicht abbilden, argumentiert Brunnet.

Mit seinem Vorstoß will der Gemeindetag eine politische Diskussion in Gang setzen. Der Widerspruch lässt nicht lange auf sich warten. "Wir erkennen nicht, wie ein Rechtsanspruch das Problem lösen könnte", sagt Kai Sonntag, Pressesprecher der KVBW, auf Stimme-Anfrage. Hauptproblem sei, dass mehr Ärzte das System verlassen als neue hinzukommen. Hausärzte seien selbstständige Unternehmer, die eine Mindestzahl an Patienten bräuchten, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Viele Kommunen seien zu klein. Und davon abgesehen: "Ärzte sind keine Schachfiguren, die man hin- und herschieben kann." Allerdings, das räumt auch Kai Sonntag ein, sei die Verteilung der Ärzte nicht optimal.

Teilzeit

Der Anteil der Ärztinnen steigt. Und damit auch der Bedarf an Teilzeitarbeitsplätzen. Zudem, so Sonntag, wollten viele Frauen sich nicht selbstständig machen. Könnten Kommunen Modelle entwickeln, um Ärzten Angestelltenverhältnisse bieten zu können? Sonntag ist skeptisch. Rechtlich sei dies im Moment noch gar nicht möglich. "Auf breiter Ebene halten wir das nicht für erfolgversprechend." Zentrale Aufga- be sei es, wieder mehr Mediziner zu gewinnen. Die KVBW engagiere sich deshalb verstärkt im Weiterbildungsbereich, die Struktur des unattraktiven Notfalldienstes sei verändert worden. Die Kommunen könnten auch etwas tun: zum Beispiel wichtige Rahmenbedingungen wie eine gute Kinderbetreuung garantieren.

Auch Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) reagiert wenig begeistert auf den Gemeindetags-Vorstoß. Viele Fragen seien ungeklärt. Der Vorschlag berge die Gefahr, dass er wegführt vom freien Arztberuf hin zur medizinischen Planwirtschaft.

Lächerlich

Ein Kommentar von Valerie Blass

Valerie Blass

Auf der Suche nach neuen Wegen in der ärztlichen Versorgung sind Mut und Ideen gefragt.

Das romantisierende Bild vom Arzt, das Fernsehserien wie „Der Bergdoktor“ vermitteln, dürfte mit dem Alltag von Medizinern wenig zu tun haben. Genauso unrealistisch ist allerdings die Forderung des Gemeindetags nach einem Rechtsanspruch auf einen Hausarzt pro Gemeinde. Auf welcher Grundlage, bitteschön, sollen Mediziner gezwungen werden, sich an einem Ort niederzulassen, an dem sie nicht praktizieren wollen? Wer Phantasie hat, malt sich aus: Jeden Morgen holt eine Polizeistreife den Herrn Doktor in der Stadt ab wie einen Schulschwänzer und bringt ihn in seine Sprechstunde, auf dass er motiviert Dienst am Patienten tue. Klingt lächerlich? Ist es auch.

Landflucht ist kein Phänomen unter Ärzten. Genauso wenig, wie man den Bäcker in Dorf x zwingen kann, Brot zu verkaufen, kann man den Arzt dazu verdonnern, genau dort Patienten zu behandeln. Wir werden uns von der Vorstellung verabschieden müssen, dass eine Praxis zur Grundausstattung in Kommunen gehört. In Frankreich fahren Krankenschwestern mit dem Bus über Land und decken die Grundversorgung ab. Ideen und Mut sind im Umgang mit dem Ärztemangel gefragt, das sture Beharren auf Besitzständen bringt uns nicht weiter.

Ihre Meinung? valerie.blass@stimme.de