Kanal genial: Per Rad nach Paris

Heilbronn/Paris  Unser Redakteur ist 710 Kilometer von Heilbronn nach Paris geradelt - und ist begeistert von der Strecke. Lange Passagen der Tour in die Metropole führen am Wasser entlang.

Von Alexander Hettich

Radtour nach Paris
Knapp 710 Kilometer sind es nach Paris, und dort kommt man zügig voran. Die Stadt investiert Millionen in neue Radwege. Fotos: Alexander Hettich

Dans Paris à vélo“, trällerte Chansonnier Joe Dassin 1972. Radeln galt ihm als Mittel der Wahl gegen den Stau in der Metropole. „Mit dem Rad“, heißt es im Lied, „überholt man die Autos und Taxis.“ Dabei geriet man in den 70ern wohl eher unter die Autos. Radfahren in Paris – das war früher der Horror, heute ist es dank vieler neuer Radwege ein Erlebnis, genau wie die Tour dorthin. Die Strecke ist in einer Woche gut zu schaffen, Teilabschnitte im Elsass sind bestens für Familienausflüge geeignet.

Mystischer Morgennebel

Am frühen Morgen liegt Nebel über dem Wasser, schnurgerade zieht sich der Radweg am Marne-Rhein-Kanal entlang. Rechts und links steigen die Hügel der Vogesen auf, ein Schiff schält sich aus dem Dunst. Sonst ist hier niemand unterwegs. Die Szenerie hat etwas Surreales. Der Abschnitt hinter Saverne im Elsass ist einer der landschaftlichen Höhepunkte einer Radtour nach Paris, die für jeden durchschnittlich trainierten Radfahrer zu bewältigen ist.

Radtour nach Paris
France profonde: Durchs ländliche Frankreich.

Egal an welcher der Routen, die im Internet kursieren, man sich orientiert: Der Radweg am Kanal durch Elsass und Lothringen ist immer wichtiger Begleiter. Wer in Heilbronn startet, macht am zweiten Tag Bekanntschaft mit der Wasserstraße. Zum Auftakt geht es über Schwaigern und Bretten vorbei an Karlsruhe nach Malsch, Übernachtung auf dem Campingplatz, etwas weniger als 100 Kilometer zeigt der Zähler. Das wird der Schnitt für die kommenden Tage sein. Beruhigend: Steigungsmäßig anspruchsvoller wird die Tour bis Paris nicht. Nach der Abfahrt in die Rheinebene ist der Umweg über Straßburg eine Option, oder die Abkürzung über die elsässischen Orte Weyersheim und Brumath – am Kanal landen sie alle.

Wegenetz wird ausgebaut 

Der Canal de la Marne au Rhin wurde bis 1853 zeitgleich mit der Bahnlinie Paris-Straßburg gebaut und ist heute noch knapp 300 Kilometer lang. Einen durchgängigen Radweg – ein Jammer – gibt es nicht. Aber immer längere Passagen werden für Radler erschlossen. Für den Güterverkehr spielt die Rinne längst keine Rolle mehr. Statt Lastkähnen sind Ausflugsboote auf dem Kanal unterwegs. Von Straßburg bis in das hübsche Elsass-Städtchen Saverne ist der Radweg am Kanal entlang absolut familientauglich. In Saverne gibt es einen Campingplatz, der mit Schwimmbad, Hüpfburg oder Biwaks auch für Kinder bestens geeignet ist.

Nach Saverne folgt die Sahnestrecke der ganzen Tour, im Tal der Zorn geht es durch die Vogesen, später immer mal wieder weg vom Kanal und wieder zurück. Nancy mit seinem klassizistischen Stadtzentrum und dem vorbildlichen Radwegenetz bietet sich als Etappenort an. Frankreich und Radreisen – das passte lange nicht recht zusammen. Doch die Regionen unternehmen enorme Anstrengungen, um die Voies Vertes genannten Radachsen auszubauen. Es gibt ein ehrgeiziges Programm mit Fernradwegen. Einige Pisten wie entlang der Atlantikküste sind fertig, anderswo klaffen Lücken. Auf der Strecke Paris-Straßburg gibt die offizielle Karte an, dass etwa die Hälfte des Radwegs fertig ist. Dazwischen heißt es, auf Landstraßen auszuweichen. 

Radtour nach Paris
France profonde: Durchs ländliche Frankreich.

Südlich von Nancy verläuft der Weg entlang der Mosel bis nach Toul mit seiner prächtigen Kathedrale. Ab Void-Vacon bekommt man ein Gespür dafür, was die Franzosen mit France profonde meinen – das „tiefe“, ländliche Frankreich. Über sanfte Hügel geht es durch Felder und Wiesen, Kühe und Esel säumen den Weg. Ein paar Weiler. Das Auf und Ab ist noch einmal anstrengend, doch 20 Kilometer vor Bar-le-Duc ist wieder der Kanal erreicht.

Wer früh in Nancy gestartet ist, hat genügend Zeit für einen Bummel, bevor es ins Hotel, in die Pension oder auf den schön in einem Schlosspark gelegenen Campingplatz geht. Durch die Champagne mit ihren endlosen Weinbergen geht es überwiegend über wenig befahrene Landstraßen. Epernay eignet sich für eine Übernachtung nebst Champagner-Verkostung in einer der vielen Bars. Ein Weingut am anderen liegt auf dem Weg bis ans letzte Etappenziel Meaux, bereits im Großraum von Paris.

Locker durch den Speckgürtel 

Vor dem Pariser Speckgürtel beginnt wieder ein Kanal, diesmal der Canal de l’Ourcq, an dem es sich fast 30 Kilometer bis ins Zentrum an der Place Stalingrad radeln lässt. Man wähnt sich in der Hauptstadt der Pedaleure, dabei sind viele der Annehmlichkeiten neueren Datums. Paris hat ein massives Feinstaubproblem und investiert in die Radinfrastruktur. Busspuren wurden freigegeben, bis 2020 soll die Länge der „Pistes cyclables“ in der Stadt für 150 Millionen Euro auf 1400 Kilometer verdoppelt werden. Schon jetzt geht es zügig vom Osten der Stadt über die Ile de la Cité, an der Seine entlang zum Eiffelturm. Etwas mehr als 700 Kilometer sind es von Heilbronn hierher. Und singt da nicht irgendwo Joe Dassin? Mit dem Fahrrad in Paris überholt man alle Autos.