Debatte um Krankenhauszukunft: Die fünf wichtigsten Fragen

Möckmühl  Die Stadthalle Möckmühl war am Montagabend proppenvoll. Mehr als 400 Bürger wollten wissen, was mit ihrem Krankenhaus im nördlichen Landkreis passiert. Wir haben Antworten auf die fünf wichtigsten Fragen gesammelt.

Von Kirsi-Fee Rexin

Die Diskussionsteilnehmer beim Forum mit Stimme-Redakteur Reto Bosch (rechts). Fotos:   Foto: Veigel, Andreas

Im Rahmen des Stimme-Forums „Die kleinen Krankenhäuser vor dem Aus: Wie geht es weiter?“ standen SLK-Geschäftsführer Thomas Jendges, Landrat Detlef Piepenburg, Möckmühls Bürgermeister Ulrich Stammer und Gesundheitsexperte Professor Boris Augurzky nicht nur Stimme-Redakteur Reto Bosch Rede und Antwort. Auch der Bevölkerung brannten zahlreiche Fragen auf der Seele. So sehr, dass der ein oder andere sich nur schwer im Zaum halten konnte.

Lautstarke Äußerungen, tosender Applaus, aber auch Buhrufe begleiteten die emotionale Debatte und zeigten deutlich, dass die  Menschen im nördlichen Landkreis ihr Krankenhaus behalten wollen. Die noch ungewisse Zukunft bewegt sie sehr. Die Stadt-Landkreis-Kliniken-GmbH (SLK) will den Krankenhausbetrieb des SLK-Krankenhauses Möckmühl einstellen, selbes gilt für die Klinik in Brackenheim. Die Gründe: Steigende Defizite, wachsende Personalnot, schärfere Gesetzesvorgaben.

Statt des Krankenhauses soll in Möckmühl gemäß den SLK-Plänen ab dem Jahr 2020 ein Gesundheitszentrum die medizinische Grund- und Notfallversorgung der Bürger sicherstellen. Finanziert werden soll das rund 14-Millionen-Euro-Projekt aus dem Krankenhausstrukturfonds, den Rest müssten Stadt- und Landkreis tragen. Die Entscheidung über den Vorschlag treffen am 7. November der Kreistag und der Heilbronner Gemeinderat.

Hier sind Antworten auf die drängensten Fragen des Diskussionsforums:

 

  • Wie soll das künftige Konzept für Möckmühl aussehen?

 

Thomas Jendges, SLK-Geschäftsführer: „Das Konzept sieht vor, den Krankenhausbetrieb in Möckmühl  in seiner jetzigen Form einzustellen, stattdessen ein ambulantes Gesundheitszentrum zu etablieren. 2017/18 soll deshalb der Ausbau am Plattenwald für die Aufnahme von Patienten aus Möckmühl stattfinden. 2018 werden die Chirurgie, die Innere Abteilung und auch die Mitarbeiter aus Möckmühl überführt. Anschließend wird das Krankenhaus Möckmühl umgebaut und saniert. 2020 soll dann die Eröffnung des neuen Gesundheitszentrums stattfinden. Darin werden verschiedene Fach- und Allgemeinärzte ihre Praxen oder Zweigpraxen haben, wodurch eine bedarfsgerechte ambulante allgemeinmedizinische und hausärztliche Versorgung sichergestellt ist.

Die Notfallversorgung mit Notarzt und Praxis der Kassenärztlichen Vereinigung bleibt bestehen. Außerdem wird es eine Kurzzeitpflege für Personen nach einer akuten Klinikbehandlung geben. Stationär versorgt werden die Patienten in den Kliniken am Plattenwald und am Gesundbrunnen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf circa 14 bis 15 Millionen Euro. Durch dieses Konzept kann eine wohnortnahe und bedarfsgerechte Medizin und Versorgung in zukunftsfähigen Strukturen gewährleistet werden.“

 

  • Weshalb sind Änderungen notwendig?

 

Landrat Detlef Piepenburg: „Die Rahmenbedingungen kleiner Krankenhäuser haben sich so verschlechtert, dass sie keine Überlebenschance haben. 1,8 Millionen Euro Verluste erwirtschaftete das Krankenhaus Möckmühl nach Hochrechnungen in diesem Jahr. Außerdem besteht großer Sanierungsbedarf, sowohl am Gebäude als auch was die Technik angeht. Langfristig wäre ein Neubau notwendig. Zudem ist damit zu rechnen, dass Probleme mit der Personalgewinnung auftreten werden, denn immer weniger Fachkräfte zieht es in die ländlichen Gebiete. Die wollen lieber an Kliniken mit breitem Spektrum, moderner Ausstattung und guten Weiterbildungsmöglichkeiten.  

Hinzu kommt, dass die Politik die Krankenhausdichte entzerren will. Der Landeskrankenhausplan diktiert, welche Leistungen wo gemacht werden dürfen. Hiernach ist sogar die Anzahl der behandelten Schlaganfälle im Plattenwald zu gering. Wenn wir jetzt keinen Kurswechsel in Möckmühl vornehmen, ist das Personal bald nicht mehr da, die Technik geht in die Knie und der Betrieb geht zugrunde. Wir müssen die medizinische Versorgung sichern und zukunftsfähig machen, solange wir noch Spielraum haben.“

 

  • Wie gestaltet sich die Situation der Krankenhäuser bundesweit?

 

Professor Boris Augurzky, Gesundheitsexperte: „Alle kleinen Krankenhäuser ­- das erstreckt sich von Sylt bis Konstanz- kämpfen mit denselben Problemen. Die Strukturanforderungen an Krankenhäuser werden immer höher, auch durch das Krankenhausstrukturgesetz, das am 1. Januar in Kraft getreten ist. Es werden Mindestvorgaben gestellt: Krankenkassen fordern zum Beispiel bei Operationen eine Mindestmenge aus Qualitätsgründen, sonst gibt es kein Geld.  Es muss eine Mindestausstattung geben, die setzt aber hohe Investitionen voraus. 

Gleichzeitig findet eine systematische Benachteiligung kleiner Krankenhäuser im Krankenhaus-Vergütungssystem statt. Denn die kleinen Häuser bieten Leistungen, für die es nur niedrige Entgelte gibt. Diese Leistungen könnten zudem auch von ambulanten Praxen erbracht werden. Statistiken haben ergeben, dass sich Patienten, die größere Eingriffe vor sich haben, oftmals nicht für das am nächsten gelegene Krankenhaus entscheiden, sondern für das, das auf ihre Erkrankung spezialisiert ist. Gleichzeitig schreitet in der Medizin die Spezialisierung immer weiter voran. Früher konnte ein Chirurg alles, heute ist das nicht mehr so. Eine Nachbesetzung gestaltet sich also auch schwerer. Ohnehin ist es schwierig qualifizierte Fachkräfte und Personal für den ländlichen Bereich zu gewinnen. Der demografische Wandel sorgt für mehr Patienten, aber weniger Beitragszahler und Fachkräfte. Deshalb sagt der Gesetzgeber: Versuchen wir die Kapazitäten zu bündeln.“

 

  • Was hält Möckmühls Bürgermeister von den Plänen?

 

Bürgermeister Ulrich Stammer: „Das Krankenhaus hat für die Stadt und den nördlichen Landkreis eine enorme Bedeutung. Menschen ziehen hierher, weil sie sich versorgt wissen. Das Krankenhaus ist aber auch als Arbeitgeber wichtig. Die Versorgung und das Pflegepersonal sind in diesem Haus optimal, es herrscht eine familiäre Atmosphäre. Doch ich weiß auch, dass die medizinische Versorgung einem Wandel unterliegt, und ich habe Sorge, dass, wenn wir nichts tun, wir später nichts mehr haben. Deshalb muss das neue Angebot mindestens so gut sein wie das alte.“

 

  • Wie finden die Bürger das Konzept?

 

Brigitte Kühner, Widdern: „Ich hoffe, dass das Krankenhaus so bleibt wie es ist. Denn so kann man schnell hin, wenn man etwas hat. Heilbronn ist einfach zu weit weg, wenn etwas passiert ist.“

Sabine Gemmrig, Neuenstadt: „Ich habe sehr gute Erfahrungen in Möckmühl gemacht. Im Gegensatz zur Klinik am Gesundbrunnen. Da ist man ja nur eine Nummer und das Personal ist unfreundlich.“