CDU adoptiert grüne Ideen

Untergruppenbach  Zumindest was die Erststimme angeht, sollte für die Wähler nach diesem Stimme-Forum Klarheit herrschen. Denn bei der Podiumsdiskussion in Untergruppenbach ging es nicht nur um Parteiprogramme und Wahlkampfparolen. Hier mussten die Kandidaten auch mit persönlichen Überzeugungen und Argumenten punkten.

Von unserem Redakteur Christian Gleichauf

CDU adoptiert grüne Ideen
Eingerahmt von den Moderatoren Reto Bosch (re.) und Bernd-Rainer Intemann (v.l.) streiten Eberhard Gienger (CDU), Thorsten Majer (SPD), Christian Meyer (FDP), Andresas Roll (Bündnis 90/Die Grünen) und Walter Kubach (Die Linke) in Sachfragen und persönlichen Einschätzungen.Foto: Dennis Mugler

Zumindest was die Erststimme angeht, sollte für die Wähler nach diesem Stimme-Forum Klarheit herrschen. Denn bei der Podiumsdiskussion in der Untergruppenbacher Stettenfelshalle ging es nicht nur um Parteiprogramme und Wahlkampfparolen. Hier mussten die Kandidaten auch mit persönlichen Überzeugungen und Argumenten punkten − oder sich vor Publikum ihr Nichtwissen eingestehen. Es gab zahlreiche vielsagende Momente in dieser knapp zweistündigen Veranstaltung.

Den unglücklichsten Moment erwischt Christian Meyer an diesem Abend. Auf die Frage, ob er sich für die Reaktivierung der Zabergäubahn ausspricht, entgegnet er: "Definitiv ja. Aber wir sollten erst einmal klarstellen, ob wir die Schneise schlagen dürfen vom Zabergäu bis nach Stuttgart."

Nach zwei deutlichen Hinweisen von Moderator Reto Bosch gesteht er: "Ich war bei einer anderen Bahn." Da hilft auch die Selbstkontrolle nichts mehr, die er sich als Hubschrauberpilot antrainiert hat. Bei anderen Punkten überrascht der FDP-Kandidat ebenfalls auf seine Weise. Klar fordert er: "Der Soli muss weg." Oder er überspitzt: "Das Parlament stimmt darüber ab, wie hoch unser Strompreis ist." Ein schmaler Grat zwischen Querdenkertum und Unkenntnis − teilweise entschuldbar durch Meyers kurzfristige Berufung nach dem Rückzug von Harald Leibrecht.

Eigentor

Als der Linke Walter Kubach von Moderator Bernd Rainer Intemann auf seine kürzlich erhobenen Vorwürfe gegen den CDU-Abgeordneten Eberhard Gienger angesprochen wird, sucht er gezielt die Konfrontation. Er wirft ihm erneut die Einnahme von Anabolika als aktiver Turner vor. Gienger reagiert heftig und stellt klar, wie es nach einer Verletzung zu der Einnahme der Medikamente gekommen ist. Vom Publikum bekommt er dafür Unterstützung, ebenso von FDP-Mann Meyer. Und auch wenn Thorsten Majer (SPD) und Andreas Roll (Grüne) kritisieren, dass unter Sportfunktionären die Doping-Debatte nicht konsequent genug geführt werde, schließen sie sich der Rücktrittsforderung nicht an. Am Ende führt Kubachs Eigentor zu einem Punktsieg für Gienger.

Den rettet Gienger nicht ins Ziel. Zu oft bleibt er nur so lange souverän, wie er die Probleme beschreiben kann. Auf die Energiewende angesprochen, umreißt er in äußerst groben Zügen, was an Aufgaben ansteht. Ansonsten gibt er sich überzeugt, dass Deutschland die Umstellung auf "das neue System" schaffen wird und davon auch profitieren könne. Für Erheiterung sorgt seine Reaktion auf die Nachfrage, die Grünen hätten solche Positionen doch schon vor 20 Jahren vertreten: "Das ist richtig, aber wir haben es jetzt auch umgesetzt." Damit vereinnahmt er kurzerhand das von Rot-Grün beschlossene Erneuerbare-Energien-Gesetz und den Atomausstieg für seine Partei. Beim Adoptivrecht für homosexuelle Paare ringt er sich nur zu einem "Jein" durch.

Unsicherheiten

Klare Kante zeigt Gienger beim Thema Pkw-Maut. "Da müsste ich mich mit der Kanzlerin anlegen", räumt er auf Nachfrage ein, nachdem er sich für eine Maut für Ausländer und Inländer ausgesprochen hat. Beim Komplex Zabergäubahn ist auch er sich nicht sicher, um welche Strecke es sich dreht. "Murrtalbahn"? Oder "die andere"? Es komme darauf an, was es kostet. Angesichts der Folgekosten seien aber "Bus oder andere Verkehrsmittel" mitunter vorzuziehen.

Wie wenig konkret Giengers Aussagen sind, zeigt sich wiederholt im Vergleich zu seinem SPD-Kontrahenten Thorsten Majer. Der weiß bei der Zabergäubahn um die Finanzierungsprobleme, plädiert trotzdem für die Investition. "Jedes öffentliche Hallenbad ist ein Zuschussgeschäft." Schließlich gehe es darum, dass das flache Land nicht verödet. "Wenn die jungen Leute alle wegziehen und die alten nicht mehr dort leben wollen, dann haben wir auch ein Problem."

Majer tritt zum dritten Mal gegen Gienger an und hat sich gut vorbereitet. Irritierend für die Zuschauer ist nur, dass er Argumente des politischen Gegners wiederholt mit auffälligem Mienenspiel kommentiert. Auf die von Christian Meyer vorgestellten Steuervereinfachungspläne fragt er sich laut, "wer denn eigentlich die letzten vier Jahre an der Regierung war". Seine Eloquenz verliert er nur, wenn es um seine Chancen bei der Wahl geht: Da zeigt er sich zurückhaltend und wagt auch nur, auf 35 Prozent bei den Erststimmen zu hoffen.

Korrektur

Ein positives Bild ohne Ausrutscher bietet Andreas Roll. Sicher antwortet er auf alle Fragen, teils auch humorvoll. Auf Giengers "Umsetzung" grüner Ideen entgegnet er: "Es ist nicht so, dass wir grüne Inhalte aufs Papier schreiben, und die CDU sie umsetzt. Das wäre mir neu." Dabei müsste ihm die Vorstellung gefallen. Die von den Grünen geplante Abschmelzung des Ehegattensplittings würde sich als Auftrag an Gienger durchaus eignen: Die bisherige Regelung ist laut Roll eben keine Kinder- oder Familenförderung, sondern kinderunabhängig. Doch hier wie beim Mindestlohn liegen die Positionen der zwei doch wohl zu weit auseinander.