„Kontrollierter Einsatz weit unter Risiko-Schwelle“

Immer wieder gerät der Pflanzenschutz in der Landwirtschaft ins Visier der Kritik, wie jüngst bei der Diskussion über Rückstände im Wein. Was ist Panikmache? Was ist verharmlosend? Wie fundiert sind Studien, vor allem aber wie stichhaltig sind deren Interpretationen?

Von Herbert Kaletta

Pflanzenschutz im Weinberg. Chemische Mittel werden vor allem gegen Pilzkrankheiten eingesetzt. Insekten werden meist biotechnisch bekämpft.Foto: Archiv/Koch

Region Heilbronn - Immer wieder gerät der Pflanzenschutz in der Landwirtschaft ins Visier der Kritik, wie jüngst bei der Diskussion über Rückstände im Wein. Was ist Panikmache? Was ist verharmlosend? Wie fundiert sind Studien, vor allem aber wie stichhaltig sind deren Interpretationen?

„Zur Risikobewertung gehört nicht nur die Menge der gefundenen Substanz, sondern auch die Verzehrmenge“, sagt Susanne Gold, Leiterin des Heilbronner Landwirtschaftsamts. Und selbst dies berücksichtigend habe das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bei den jüngst gefundenen Pflanzenschutzmengen bei Wein kein Risiko festgestellt. „Um sich an den Grenzwert heranzutrinken, bräuchte eine Frau von dem in der Untersuchung genannten Trollinger bei täglich einem Viertele über 5400 Jahre“, veranschaulicht Gold.

Neutrale Bewertung

Zudem stünden schon die Grenzwerte für Pflanzenschutzmittel-Rückstände generell in einem großen Abstand zu festgestellten Gefahren. Sie lägen um das 100-Fache niedriger als die Menge, die bei Tierversuchen erste Reaktionen auslöste. Eine Substanzmenge von einem Prozent des Grenzwertes sei also das 10 000-Fache davon entfernt. „Das BfR ist eine in der Zeit der Grünen-Verbraucherministerin Renate Künast gegründete, neutrale Behörde, die sehr hohe Maßstäbe anlegt“, ordnet der Weinbauberater des Amtes, Lothar Neumann, die Qualität des BfR ein.

„Solange die anerkannte, neutrale Wissenschaft sagt, es ist kein Risiko, muss ich Produzenten und Verbrauchern die freie Wahl lassen“, wendet sich Susanne Gold auch gegen das „Ausspielen“ von Bio- und konventionellen Landwirten. Das bringe keinem etwas.

Etwa 280 Wirkstoffe sind derzeit in Deutschland zugelassen, weit weniger, als in anderen Ländern der Europäischen Union. Eine Harmonisierung innerhalb der EU, wie demnächst angestrebt, gilt als schwierig. Schon seit über zehn Jahre bemühe man sich vergeblich darum, sagt Susanne Gold. Das liege teils an gegensätzlichen wirtschaftliche Interessen, teils daran, dass man wegen der klimatischen Unterschiede nicht überall die gleichen Schädlinge habe.

Vielfalt nötig

Die Vorstellung, Bauern würden möglichst viel und im Zweifel lieber etwas mehr spritzen sei falsch, sagt Lothar Neumann. Schon die Kosten stünden dagegen. Andererseits sei es wichtig, eine genügende Auswahl an Wirkstoffen zu haben. Nur so sei der Pflanzenschutz insgesamt zu reduzieren, sagt Susanne Gold.

Die Logik dahinter erläutert Christian Himmelhan, Pflanzenbauexperte des Amtes: Pflanzenschädlinge und -krankheiten bauen Resistenzen auf, wenn immer der gleiche Wirkstoff verwendet wird und werden immun. Man kann dann eine Pflanzenkultur nicht mehr ohne hohe Verluste bis hin zum Totalausfall anbauen. Habe man verschiedene Mittel, könne man sie zudem gezielter einsetzen. Im Gegensatz zu früherer Substanzen, wie dem längst verbotenen E-605, nehmen moderne Mittel gezielt nur den (einen) Schädling ins Visier. Behandle man eine befallende Pflanze gezielt, reduziere das den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Denn vorbeugend zu arbeiten sei eher nachteilig. „Man müsste dann viel häufiger spritzen“, sagt Himmelhan.

Bei den Pflanzenschutzmitteln sieht er wie auch Weinbauberater Lothar Neumann eine stetige Weiterentwicklung, die auch zu besserer Umweltverträglichkeit führe. „Es gibt inzwischen nur noch wenige zugelassene Mittel, die nicht auch in Wasserschutzgebieten eingesetzt werden dürfen.“

Scharfe Kontrollen

Zehn bis 15 Jahre dauert die Genehmigung eines neuen Pflanzenschutzmittels. Das mache es für die Herstellerfirmen riskant, sich der Tendenz zu umweltverträglicheren Substanzen zu entziehen, meint Himmelhan. Zumal die Kontrollen scharf seien. Nachträglich erkannte, unerwünschte Effekte wie das Auftauchen der Mittel im Grundwasser, führten schnell zum Ausschluss aus den Beratungsempfehlungen bis hin zum Entzug der Genehmigung.

Doch auch Verbraucheransprüche an die Optik der Ware bedingen zum Teil den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Wenn Lauch mit weißen Streifen oder Salat mit ein paar Läusen drauf nicht mehr zu verkaufen seien, dann könne sich der Landwirt diesen wirtschaftlichen Ausfall nicht leisten. „Null Läuse im Salat und null Pflanzenschutzmittel, das funktioniert nicht“, sagt Susanne Gold.

Schließlich könnten Kontroll-Ergebnisse auch positiv wirken. Etwa als Qualitätsbeweis. Die Vitfrisch, ein großer Vermarkter von im Unterland angebautem Gemüse, weiß die Amtsleiterin, nutze beispielsweise die niedrigen Werte ihrer Produkte bei den Rückstandskontrollen werblich gegenüber ihren Abnehmern.

Stichwort: Pflanzenschutz

Es gibt drei Arten von Pflanzenschutz zur Bekämpfung von Schädlingen: Biotechnisch-physikalisch (z.B. Lockstoffe, Fallen), biologisch (durch natürlichen Feinde der Schädlinge) und chemisch (Einsatz von Schädlingsgiften). Für chemische Pflanzenschutzmittel hat sich der im englischen gebräuchliche Begriff Pestizide eingebürgert (vom lateinischen pestis = Seuche, caedere = töten). Es gibt mehrere Arten. Die drei bekanntesten: Fungizide gegen Pilzkrankheiten, Insektizide gegen Insekten und Herbizide, mit denen unerwünschte Konkurrenzpflanzen (Unkräuter) beseitigt werden. In der Bio-Landwirtschaft ist die Anwendung chemisch-synthetischer Mittel nicht erlaubt.