Wo Hunde rückwärts durch niedrige Tunnel kriechen

Helden des Alltags: Bei der Rettungshundestaffel Unterland üben Vierbeiner, wie man Verschüttete und Vermisste findet

Von Franziska Feinäugle



Region Heilbronn - Manchmal suchen sie die ganze Nacht nach einer verwirrten alten Dame, nach einem im Wald vermissten Pilzsammler, nach einem Suizidgefährdeten, der einen Abschiedsbrief hinterlassen hat. Und gehen am nächsten Morgen zur Arbeit, als ob sie wie ihre Kollegen geschlafen hätten.

Was die rund 30 Mitglieder der Rettungshundestaffel Unterland ehrenamtlich leisten, wird meist nur dann zur Kenntnis genommen, wenn sie nach internationalen Katastrophen Verschüttete suchen helfen, etwa nach den Erdbeben in der Türkei, in Taiwan oder dem Iran.

Acht Stunden pro Woche

Die Zeit, die die Hundeführerteams ständig ins Lernen und Üben ihres Könnens investieren, summiert sich auf einen ehrenamtlichen Arbeitstag pro Woche. Dienstags von 18 bis 22 Uhr, samstags von 14 bis 18 Uhr kommen die vier Frauen und acht Männer mit ihren Hunden auf dem Übungsgelände am Heilbronner Schweinsberg zusammen. Trümmerkunde, Funk, Erste Hilfe an Mensch und Hund sind einige der Disziplinen, die beherrscht werden müssen.

Das Klischee vom Bernhardiner mit dem Rum-Fässchen um den Hals wischt Staffelführer Thomas Winter rasch beiseite: „Ein Bernhardiner ist für eine Lawine viel zu schwer.“ Leicht und beweglich müssen Rettungshunde sein, und sie müssen lernen, sich von Umwelteinflüssen nicht ablenken zu lassen.

„Such und hilf“, gibt Elisabeth Rothermund ihrer Hündin Ronja das Kommando. Der Golden Retriever läuft zielstrebig über das künstliche Trümmerfeld und lässt sich nicht davon stören, dass ein Feuerchen qualmt und ein Mann mit Presslufthammer lärmt. „Im echten Einsatz wird auch mit lauten Maschinen geräumt, und es brennt vielleicht“, erklärt Thomas Winter. Rauch und Lärm ignorieren: Das ist etwas, was ein Hund von Natur aus nie tun würde. Genauso wenig, wie über Gegenstände zu laufen, die schwanken.

Instinkte überwinden

Um diese natürlichen Instinkte gezielt zu überwinden, ist viel Training nötig. Elisabeth Rothermund kommt mit ihrer Hündin Ronja immer eigens von Schwäbisch Hall, wo die 58-Jährige lebt und als Gymnasiallehrerin unterrichtet. Im Gerätepark des Heilbronner Übungsgeländes balancieren die Hunde über quergelegte Leitern und lernen, im Vertrauen auf Herr oder Herrin auch in dunkle Röhren zu schlüpfen, die sie sonst eher meiden würden.

Im Ernstfall „dürfen die Hundeführer das Gelände in der Regel nicht betreten. Wegen Einsturzgefahr“, sagt Staffelführer Thomas Winter. Anders als Polizeihunde verrichten Rettungshunde ihre Arbeit also nicht angeleint, sondern angeleitet durch Befehle ihrer Führer.

Rettungshunde können Dinge, die man erst glaubt, wenn man sie sieht: Pollux, ein riesiger Mischling, bewegt sich rückwärts durch ein sogenanntes Kriechgitter, als Martin Schweikle aus Bretzfeld ihm den entsprechenden Befehl gibt.

Im Steinbruch im Jägerhauswald proben die Führer am Ende des langen Übungssamstags den Ernstfall: Ein Kind sei beim Spielen abgestürzt. Die gesamte Ausbildung zielt auf die Suche nach lebenden Personen ab, betont Einsatzleiter Gerhard Bindereif. Ist der Mensch, den der Hund schließlich findet, schon tot, dann bellt der Hund nicht lebhaft, sondern „fiept vielleicht bloß“.