Pflegekräfte aus Osteuropa: Expertin warnt vor falschen Erwartungen

Interview  Eine 24-Stunden-Betreuung birgt für alle Seiten viele Risiken, warnt Jasmin Kiekert von der Katholischen Hochschule Freiburg im Stimme-Interview. Die 37-Jährige spricht heute in Weinsberg über das Thema Pflegekräfte aus Osteuropa.

Von Christian Gleichauf

Wer seinen pflegebedürftigen Angehörigen nicht in ein Heim geben möchte, braucht viel Unterstützung aus der Familie. Andernfalls wird es kompliziert. Foto: dpa

Pflegekräfte aus Osteuropa sind aus dem deutschen Gesundheitssystem nicht mehr wegzudenken. Wer auf diese Art der häuslichen Hilfe setzt, geht aber häufig viele Risiken ein. Jasmin Kiekert (37) von der Katholischen Hochschule Freiburg beschäftigt sich seit sechs Jahren mit dem Thema. Sie warnt im Gespräch mit unserer Zeitung vor falschen Erwartungen und illegaler Beschäftigung.

 

Frau Kiekert, wenn ich für meinen pflegebedürftigen Vater ein 24-Stunden-Sorglos-Paket suchen würde, damit er zu Hause bleiben kann - hätten Sie einen Tipp?

Jasmin Kiekert: Das 24-Stunden-Sorglos-Paket gibt es einfach nicht. Wenn Sie sich aber dafür entscheiden, jemanden anzustellen, der sich ausschließlich um Ihren Vater kümmert, wird es wahrscheinlich auf eine Pflegekraft aus Osteuropa hinauslaufen. Für welche Vermittlungsagentur Sie sich dann entscheiden sollten, kann ich Ihnen allerdings nicht sagen. Nach unserer Kenntnis gibt es keine guten Agenturen. Es fehlen jegliche Qualitätsstandards. Da ist größte Vorsicht geboten, es ist ein Glücksspiel. Wichtig ist, formal alles richtig zu machen. Das heißt, entweder wird die Betreuungskraft über eine Vermittlungsagentur entsendet oder Sie werden selbst Arbeitgeber.

 

Das heißt?

Kiekert: Sie müssen die Betreuungskraft anstellen, Sie werden also Arbeitgeber. Sie beantragen eine Steuernummer und melden die Person beim Finanzamt an. Damit sind Sie auch dafür verantwortlich, dass die Arbeitszeiten eingehalten werden. Es gelten alle Arbeitnehmerschutzregelungen. Auch die Nachtruhe. Sie sind dann in der Pflicht.

 

Diese Regeln werden vermutlich aber oft nicht eingehalten...

Kiekert: Richtig. Es läuft vieles auf der informellen Schiene, sprich: Wir haben es mit Schwarzarbeit zu tun. Kontakte werden von einen zum andern weitergereicht. Dann kommt es häufig zu der Situation, dass diese Frauen wirklich rund um die Uhr auf Abruf bereit stehen müssen. Meistens kommen sie aus Polen, aus Rumänien. Kulturelle Unterschiede führen zusätzlich zu Konflikten, das fängt schon beim Essen an. Umgekehrt wird Freizeit oft in keiner Weise zugestanden, auch keine durchgängige Nachtruhe. Es wird zur Selbstverständlichkeit, dass immer jemand da ist. Manche Frauen flüchten sich dann in den Alkohol.

 

Und das werden längst nicht die einzigen Risiken sein, wenn man sich einen fremden Menschen ins Haus holt.

Kiekert: Man muss so ein Verhältnis schon mit einem großen Vertrauensvorschuss beginnen. Und sicher gibt es auch Fälle, wo die Pflegekraft am Ende mit Bargeld und Schmuck die heimliche Heimreise antritt. Aber das ist die Ausnahme. Nach unseren Erkenntnissen sind die meisten osteuropäischen Frauen daran interessiert, weiter Arbeit in Deutschland zu haben. Daher besteht eher die Gefahr, dass sie sich ausnutzen lassen. Wichtig ist daher, dass die Angehörigen eng mit der Pflegeperson zusammenarbeiten, ihr Freiräume ermöglichen.

 

Und dann kann es funktionieren?

"Es gibt keine guten Vermittlungsagenturen für osteuropäische Pflegekräfte"

Jasmin Kiekert

Foto: privat

 

Kiekert: Es kann. Aber man muss bedenken: Die meisten Frauen, die da nach Deutschland kommen, haben keine Ausbildung, allenfalls etwas Erfahrung im Umgang mit älteren Menschen. Um zu verhindern, dass man sie überfordert, müssen Angehörige von Beginn an korrekt einschätzen und kommunizieren, welchen Betreuungsbedarf es gibt. Wenn die Anforderungen nicht klar definiert sind, erhöht sich das Konfliktpotenzial von vornherein. Auch die Risiken für die Pflegebedürftigen sind groß. Sie liegen wund, werden im schlimmsten Fall sogar Opfer physischer Gewalt - auch wenn das Ausnahmen in unserer Untersuchung waren. Ein Pflegedienst sollte aber in jedem Fall die Qualität der Pflege sichern. Und es sollte klare Absprachen geben: Wer macht was. Dann, so ist unsere Erfahrung gewesen, klappt es häufig ganz gut.

 

Es gefällt Ihnen aber trotzdem nicht, wie ich heraushöre.

Kiekert: Ich finde, es ist ein ethisch äußerst heikles Arrangement. Es profitiert vor allem unser Gesundheitssystem, weil wir damit unter dem Strich sehr viel Geld sparen. Die Gesellschaft profitiert auch dadurch, dass viele Frauen weiter arbeiten können, anstatt ihre Angehörigen zu pflegen. Das hat dazu geführt, dass die Zahl der Frauen aus Polen und anderen Ländern, die in diesem Bereich in Deutschland tätig sind, sich innerhalb weniger Jahre von etwa 150.000 auf geschätzt eine knappe halbe Million mehr als verdreifacht hat.

 

Warum kann das alles eigentlich kein deutscher Pflegedienst leisten?

Kiekert: Die meisten Sozialstationen verwehren sich dagegen, mit ungelernten Pflegekräften aus dem Ausland oder auch Agenturen zusammenzuarbeiten. Sie können ja auch nicht die Verantwortung dafür übernehmen. Damit bleibt eigentlich nur, den Pflegebedürftigen über Assistenzdienste und Nachbarschaftshilfen in einem Dreischicht-System zu versorgen. Da käme man dann auf 10 000 Euro und mehr, pro Monat. Das kommt für die meisten nicht infrage.

 

Und was kostet im Vergleich die Pflegekraft aus Osteuropa?

Kiekert: Wenn Sie es offiziell anmelden, liegen Sie ungefähr bei 2500 Euro pro Monat. Wie viel Geld es dann von der Pflegekasse gibt, hängt von der Einstufung in den Pflegegrad ab.

 

Und die informelle, illegale Variante?

Kiekert: Da liegt man dann bei 900 bis 1200 Euro. Mit einem guten Gewissen kann man so ein Verhältnis aber nicht eingehen.

 

Zur Person

Jasmin Kiekert (37) ist akademische Mitarbeiterin am Institut für angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung an der Katholischen Hochschule in Freiburg. Seit sechs Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Pflegekräfte aus Osteuropa, derzeit im Rahmen des sogenannten EUMIP-Projekts (Entwicklung von Unterstützungsstrukturen für mittel- und osteuropäische Migrant(inne)n in häuslichen Pflegearrangements). Für eine Studie, die im Herbst veröffentlicht werden soll, hat sie mit Pflegedienstmitarbeitern, Betreuungskräften und Angehörigen gesprochen. Dazu gab es noch eine Befragung von Vermittlungsagenturen.

Nicht im Fokus der Studie standen die irregulären Beschäftigungsverhältnisse, obwohl das, wie Kiekert vermutet, wohl die Mehrheit ausmache. "Das ist ein ganz heißes Eisen." Die Pflegekräfte seien in der Regel nicht bereit, über ihre Situation zu sprechen. Statt dessen ging es in ihrer Studie darum, "wie man ein gelingendes Setting befördern kann".

Vortrag

Darum geht es auch bei einem Vortrag in Weinsberg am heutigen Mittwoch, 21. Juni. Von 17 bis 19 Uhr wird Jasmin Kiekert im Hildegard-Mayer-Haus, Bahnhofplatz 15, über die Fallstricke bei dieser Form der häuslichen Pflege sprechen. Die Veranstaltung ist Teil der Reihe "Mitten im Leben" des Pflegestützpunkts des Landkreises Heilbronn. cgl