Nervenkitzel mit viel Charme

Heilbronn  Ein charmanter Clown, Hochseil-Artisten, die durch Feuerreifen springen und fliegende Spaghetti: Die Premiere des Weihnachtszirkus am Mittwoch war gelungen.

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Als die vier Kraftpakete der Messoudi Brothers ihre letzte Figur präsentieren, zu viert versetzt übereinander mit einem Handstand und einem einarmigen Handstand in der oberen Etage, gibt es im Heilbronner Weihnachtszirkus kein Halten mehr. Tosender Applaus, lautes Gejohle, Trampelgeräusche dringen durch das Zirkusrund als Anerkennung für die besondere Mischung aus geballter Kraft und Körperbeherrschung. Die 2300 Besucher im vollbesetzten Zelt ziehen den Hut vor einer gelungenen Darbietung: Die Premiere der Saison 2016/2017 ist am Mittwoch gelungen.

Ein kurzweiliges Programm ohne große Verschnaufpausen, mit einer starken Fraktion südamerikanischer Artisten, haben die Zirkusmacher um Sascha Melnjak und Uwe Gehrmann für die 18. Auflage zusammengestellt. "Viel Lebensfreude, Leichtigkeit, aber auch Hochspannung in die Manege bringen", hatte Melnjak als Ziel ausgegeben. Der Applaus am Ende lässt sie erleichtert durchatmen.

Fliegende Spaghetti 

Für Nervenkitzel ist bei einigen Nummern gesorgt, wenn beispielsweise die venezolanischen Hochseilartisten Trio Ayala in neun Meter Höhe ohne Sicherheitsnetz durch einen brennenden Reifen und ein Seil springen. Gewagte Sprünge und dreifache Salti unterm Zirkusdach präsentieren die Flying Wulber am Flugtrapez und das Trio Stoian am elastischen russischen Barren. Gute Laune versprühen die fliegenden Wulber im Outfit und zur Musik der Blues Brothers, als sie in ihrer Trampolinkür mit viel Drive und Slapstick-Einlagen auch öfter strampelnd durch die Luft zappeln.

Mit viel Charme spannt Clown Henry das Publikum in seine Nummern ein. Er lässt Besucher Instrumente spielen und bei der Hutjonglage mitmachen, bedient als Kellner frech-tollpatschig eine Restaurantkundin. Am Ende löst er rund um die Manege eine kleine Schlacht mit gekochten kalten Spaghetti aus, die ins Publikum und wieder zurück fliegen.

Für Zirkuschef Melnjak ist der Clown ein ganz besonderer Darsteller. Henry Ayala ist nebenbei auch der Hauptartist auf dem Hochseil. Dass jemand zwei derartig komplexe Rollen hat, vergleicht Melnjak, "gab es bei uns noch nie".

Kritik von Tierschützern

Die Tierschutzorganisation Peta kritisiert den Weihnachtszirkus, weil mit Elefanten und Kamelen "erneut exotische Wildtiere zur Unterhaltung der Besucher zu vermeintlichen Kunststücken gezwungen werden". Gleichzeitig lobt Peta die Stadt Heilbronn für ihren Grundsatzbeschluss, Zirkusse mit Wildtieren nicht mehr zuzulassen. Der Weihnachtszirkus hat wegen eines Vertrages bis 2019 eine Übergangsfrist. Die Zirkus-Chefs hatten im Vorjahr 10.000 Unterschriften gegen das Verbot gesammelt, auf eine fürsorgliche Haltung und Spaß der Tiere verwiesen. cf

Und die Tiere? Neben Pferden und Kamelen flößen zwei indische Elefanten allein durch ihre Masse Respekt ein. Ob Glitzerschminke auf der dicken Haut sein muss, ist Geschmackssache. Überraschend kurz fiel die Elefantennummer bei der Premiere indes aus − das hat man im Weihnachtszirkus auch schon anders erlebt. Ein Sonderlob gebührt Künstlerin Gina Giovannis für ihre Dressur mit sechs jungen Pudel-, Terrier- und belgischen Bouvierhunden. Hier war zu spüren, dass Mensch und Tier an der Show offensichtlich großen Spaß haben, wenn die Hunde mit Tempo eine Rutsche hinuntergleiten, im Duett mit der Chefin Seilspringen üben, sie mal kurz wegschubsen und gleich ein Schild mit der Aufschrift "Sorry" (Entschuldigung) hoch halten.

Cool und pfiffig obendrein: die Tempojongleure, die einem Kollegen mit fliegenden Keulen eine Zigarette aus dem Mund, den Hut vom Kopf und die Brille von der Nase schleudern. Beim Training muss es anfangs das ein oder andere Beulchen gegeben haben.

Die Mischung stimmt, die Qualität kann kann sich wieder sehen lassen. Bis 8. Januar gastiert der Weihnachtszirkus auf der Theresienwiese. Jeden Tag gibt es Vorstellungen − außer an Neujahr. Karteninfo: www.weihnachtscircus.com oder Hotline 0700/598 000 00.