Der Zug der Zehntausend

Heilbronn - Das Jahr 1985 stand im Zeichen des Protestes gegen Atomraketen auf der Waldheide. Fast kein Tag verging, an dem die tödliche Bedrohung nicht Thema war. 25 Jahre ist es her, dass die Region aus der allgemeinem Lethargie erwachte und gegen ihre Ohnmacht Sturm lief.

Von Iris Baars-Werner



Heilbronn - Die tödliche Bedrohung war allgegenwärtig. Fast kein Tag verging in den ersten Monaten des Jahres 1985, an dem die Atomraketen auf der Heilbronner Waldheide nicht Thema waren. Und die Frage, wie sich Heilbronn und das Unterland gegen diese Gefahr in ihrer Mitte wehren können. 25 Jahre ist es her, dass die Region aus der allgemeinem Lethargie erwachte und gegen ihre Ohnmacht Sturm lief: Sie forderte den Abzug der mit Atomsprengköpfen bestückten Pershing-II-Raketen von der Waldheide und verlangte endlich Auskunft von den Militärs und der Politik. Überall stellten die Menschen plötzlich Fragen.

Detonation über Flein?


Zum Beispiel die, ob es denkbar wäre, dass die tödliche Bombe einer Pershing-Rakete aus Versehen beispielsweise über dem Rathaus von Flein detonieren könnte. Bürgermeister wurden überraschend von den Amerikanern auf der ansonsten abgeschotteten Waldheide empfangen. An Attrappen erläuterten die Militärs ihnen die Funktion der Raketen.

Verschweigen und Vertuschen, das war in den Jahren bis dahin an der Tagesordnung gewesen. Auf der Waldheide hatten sich amerikanische Militäreinheiten eingenistet. Was war ihre Aufgabe? Kein Kommentar vom US-Militär, kein Kommentar von deutscher Seite. Die Heilbronner Oberbürgermeister wechselten, mit ihnen ihre Parteibücher, was blieb, war ihr immer gleicher Hinweis auf die Geheimhaltungspflicht.

Hatte sich der Wandel schon im Juli 1984 angekündigt als der Heilbronner Gemeinderat mit knapper Mehrheit verkündete, Atomraketen seien auf der Waldheide unerwünscht, so war er nach dem 11. Januar 1985 nicht mehr aufzuhalten. An dem Tag starben drei US-Soldaten auf der Waldheide. Sie waren beim Üben mit einer Pershing-Rakete verunglückt.

Danach überschlagen sich die Ereignisse. Der Gemeinderat fasst endlich einen einmütigen Beschluss für eine atomwaffenfrei Waldheide. Zigtausende Bürger unterschreiben den "Heilbronner Appell" zum Abbau aller in Europa stationierten und auf Europa gerichteten Atomraketen. 30 von 46 Gemeinden des Landkreises fassen Beschlüsse. Der Friedensforscher Alfred Mechtersheimer zieht 1200 Besucher in die Harmonie. Blockierer werden festgenommen. Zweimal marschieren jeweils 10.000 Demonstranten auf die Waldheide.

Widerstand aus allen Schichten


Der Protest gegen die Atomwaffen ist mitten in der Bevölkerung, in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Die Heilbronner Stimme beschreibt das so: Im "Zug der Zehntausend" hätten sich zum Friesennerz echte Nerzmäntel gesellt. In der Innenstadt schwillt die Zahl der Ostermarschteilnehmer selbst nach Polizeiangaben auf 20.000 an, die Veranstalter sprechen von 30.000.

Am 25. April schließlich kommt Verteidigungsminister Manfred Wörner nach Heilbronn und legt seine Erkenntnisse zum tödlichen Unglück dar. Ein bislang unbekanntes physikalisches Phänomen habe zur Hitzeentwicklung geführt, für die Bevölkerung habe nie Gefahr bestanden, ein Restrisiko sei freilich niemals auszuschließen.

Die Wirkung allen Protestes?


Ab Sommer 1985 wird die Waldheide hermetisch abgeriegelt. Der US-Raketenstützpunkt wird für 55 Millionen Mark zur Festung ausgebaut. Keiner wagt damals zu hoffen, was fünf Jahre später als Folge eines gravierenden Politikumbruchs geschieht: Am 26. April 1990 verlässt die letzte Rakete die Waldheide.



Hintergrund: Waldheide

Schon 1883 wurde die Angerweide zwischen Heilbronn, Weinsberg und Donnbronn von einem Infanterie-Regiment als Exerzierplatz genutzt. Mitte der 1950er Jahre wurde die Waldheide Militärflugplatz. 1974 nahm das US-Militär Zug um Zug von dem Areal Besitz. Es entstanden unterirdische Werkstätten und Lager. Ab 1977 wurden Pershing-Rakten stationiert. 1991 zog die Armee ab, 1992 kaufte Heilbronn die Waldheide zurück. iba


Historische Zeitungsseiten (zum Öffnen pdf klicken):

09.04.1985: Ostermarsch (Teil I)
PDF-Datei: 09.04.1985: Ostermarsch (Teil I) Dateigröße: 403.12 KBytes. Datum: 06.04.2010

09.04.1985: Ostermarsch (Teil II)
PDF-Datei: 09.04.1985: Ostermarsch (Teil II) Dateigröße: 469.76 KBytes. Datum: 06.04.2010
 
04.02.1985: Marsch der 10.000 (Teil I)
PDF-Datei: 04.02.1985: Marsch der 10.000 (Teil I) Dateigröße: 359.69 KBytes. Datum: 06.04.2010

04.02.1985: Marsch der 10.000 (Teil II)
PDF-Datei: 04.02.1985: Marsch der 10.000 (Teil II) Dateigröße: 502.84 KBytes. Datum: 06.04.2010