Bombenhagel auf Scheinbahnhof

Anlage am Neckar sollte britischer Airforce Stuttgart vorgaukeln − Ausstellung geplant

Von Rolf Muth

Bombenhagel auf Scheinbahnhof
Eva Ehrenfeld und Volker Friebel sichten im Lauffener Museum das Material, das viele Hinweise enthält, aber noch kein konkretes Bild vom Pseudobahnhof ergibt.Fotos: Guido Sawatzki

Lauffen - Auf Lauffen hageln die Bomben, die für Stuttgart bestimmt sind. Hier an der Neckarschleife, an der Gemarkungsgrenze zu Brackenheim-Hausen, sichten die alliierten Piloten 1941 den markanten Bonatz-Bau des Stuttgarter Hauptbahnhofes. Was sie sehen, ist ein Nachbau jenes Objekts, an dem 70 Jahre später der Bagger knabbern wird und sich sowohl Abrissgegner als auch Politiker die Zähne ausbeißen sollten.

Geheimkommando Brasilien. Was sich unter diesem Decknamen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges am Rande der Hölderlinstadt abspielte, wurde nie so richtig aufgearbeitet. Volker Friebel und Eva Ehrenfeld vom Lauffener Museum wollen das ändern. Sie werden Zeitzeugen befragen, Schüler in ein Projekt einbinden, das im Mai in eine spannende Ausstellung münden soll.

Fasziniert Den Stein ins Rollen gebracht hat die Stuttgarter Künstlergruppe Soup − das Stuttgarter Observatorium für urbane Phänomene. Stuttgart 21, versteckt unter der Erde, ein Scheinbahnhof? "Von der Scheinanlage hier haben sich die Künstler faszinieren lassen", sagt Eva Ehrenfeld. Das Thema "urbane Attrappen" wurde um Lauffen erweitert. Mit dem örtlich kundigen, ehrenamtlichen Denkmalarchäologen Karl Schäffer erkundeten die Kunstschaffenden aus der Landeshauptstadt die Markung an der Neckarschleife.

Und eben die frappierende Ähnlichkeit dieser Schlinge mit der Neckarkurve in Bad Cannstatt ist es, die die Militärstrategen in Görings Luftwaffe 1939 auf eine brillante Idee bringen. Die Flakabteilung Ludwigsburg und das Baukommando der Luftwaffe errichten in einer Nacht- und Nebelaktion die Scheinanlage "Brasilien".

Trick gelingt Volker Friebel zeigt auf die Karte. "Hier im Gewann Weidenbusch, an der Markungsgrenze zu Hausen, soll der Bahnhof laut Zeugenaussagen gestanden haben", sagt der Museumsleiter. Dort werden Holzatrappen und Gleise errichtet, Fundamente gegossen, Steine aufgehäuft, die später wiederum von den Bürgern für den Bau ihrer Häuser verwendet werden. Hausener Bauern gelangen nur noch mit Sonderausweisen auf ihre Felder.

Mit Matten und Lichtern werden Straßenzüge nachempfunden. Lichtblitze imitieren die elektrischen Entladungen an den Fahrleitungen der Straßenbahnen. Alles sieht echt aus. In einer Zeit, wo das Radar in den Kinderschuhen steckt, GPS-gestützte Lenkwaffen ein Fremdwort sind, gehen die britischen Bomberpiloten den deutschen Militärstrategen auf den Leim. Zur Verteidigung der Anlage dienen über 30 starke Scheinwerfer und bis zu 50 Flakgeschütze, laut Friebel aufgestellt bei Brackenheim, Lauffen und an der Spitze des Heuchelbergs. Sie sollen die vermeintliche Großstadt vor dem Feind schützen. Der Trick gelingt.

Das Bauernopfer: Lauffen mit seinen damals 5000 Einwohnern. Ohne stabile Luftschutzkeller sind sie den Angriffen hilflos ausgesetzt. Unmengen Spreng- und Brandbomben regnen auf die Markung nieder. 1941 sollen hier 100 Spreng- und 1500 Splitterbomben niedergegangen sein. Erst 1942 ändert sich das. Die Radartechnik ist jetzt so weit fortgeschritten, dass die Briten Sein und Schein unterscheiden können, weiß Eva Ehrenfeld. Für sie und Volker Friebel stehen nun arbeitsreiche Wochen an. Am 11. Februar werden Zeitzeugen befragt, Schüler ins Projekt eingebunden. Sie werden demnächst ein Modell der Scheinanlage nachbauen. Am 15. Mai soll die Ausstellung starten.

Bombenhagel auf Scheinbahnhof
Von einem Zeitzeugen hat Friebel eine Aufnahme erhalten, die eine der Flakstellungen an der Verteidigungslinie der vermeintlichen Landeshauptstadt zeigen soll.
Bombenhagel auf Scheinbahnhof