Aus großen Kesseln leuchtete Feuer

Lauffen - Zeitzeugen erinnern sich an Scheinbahnhof im Zweiten Weltkrieg

Von Ulrike Kieser-Hess

Lauffen - Scheinanlage Brasilien", diesen Begriff haben auch viele ältere Lauffener erst in neuer Zeit gehört. "Bei uns war das der Stuttgarter Bahnhof", erinnert sich Willi Eberhard. Er ist einer von 25 Zeitzeugen, die sich am Freitagnachmittag beim Treffen im Lauffener Aussiedlerhof Steng an die nachgebaute Attrappe des Stuttgarter Bahnhofs auf Gemarkung Lauffen, Hausen, Nordheim erinnern, die im Krieg britische Bomberpiloten von der Landeshauptstadt ablenken sollte.

Inspiration

Viel weiß man nicht über diese Anlage, und genau das hat die Stuttgarter Künstlergruppe Soup (wie berichtet) zu dem Projekt "Scheinanlage" inspiriert. Ein Projekt, das zum einem zu einer Ausstellung im Museum der Stadt Lauffen führen soll und auch Projektthema für Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse der Hölderlin-Realschule ist. Viel erfahren haben die Künstler von den Zeitzeugen. "Es ist toll, wie gesprächig alle sind, jetzt ist uns vieles klarer", sagt Karin Rehm.

Gerhard Schäffer, dessen elterlicher Hof an der Nordheimer Straße liegt, erinnert sich, dass seine Familie zu Beginn des Baus der Scheinanlage evakuiert wurde. "Von höchsten drei Wochen war die Rede, dann wurden es dreieinhalb Jahre." Auch darauf, dass man so wenig über die Anlage weiß, kann sich der Lauffener einen Reim machen: "Da durfte niemand ohne Passierschein rein, vor allem nachts, wenn die Anlage in Betrieb war". Er weiß, dass ein Reiter, der sich das Ganze mal anschauen wollte, als Spion verhaftet wurde.

Wenn sie in Betrieb war, leuchteten Feuer in großen runden Kesseln, erinnert sich Erwin Link, "vielleicht Nachbauten des Cannstatter Gaskessels". Bis zu zehn Meter hoch soll einer gewesen sein. Eisenbahnlinien waren nachgebaut, erinnern sich manche, und das Blitzen von Straßenbahnoberleitungen wurde simuliert. Häuserattrappen gab es, in denen Lichter angebracht waren, um das Ausbrennen vorzutäuschen.

Dass man die Gerste auf den in der Nähe liegenden Feldern in diesen Jahren mit der Hand mähen musste, berichtet Willi Eberbach, der damals 14 Jahre alt war. "Man durfte da ja nicht durchfahren." Wenige Bomben seien allerdings auf das große Feld gefallen, meinen die Zeitzeugen, die meisten hätten doch Lauffen getroffen. Die Engländer hätten es gemerkt, "dass sie reingelegt worden sind", spätestens als ihre Radartechnik besser wurde.

Einigkeit

Unterschiedlich sind immer noch die Aussagen über die genauen Ausmaße und die Gebäudeanzahl auf der Anlage. Einig sind sich alle, dass es einen Turm gab, dem Stuttgarter Bahnhof nachgebaut, nur etwas niedriger, und eine Vorderansicht des Nordflügels.

Auch die Schüler sind von den Erzählungen begeistert. "Ich finde das total interessant, wenn Menschen von früher erzählen, aus ihrer Perspektive", meint Emelie Eckert, und Tamara Gall bemerkt: "Es ist schließlich unsere Geschichte, alles ist in unserer Nähe passiert." Von den persönlichen Gesprächen sind sie begeistert. "Das ist so echt, wie bei meinen Großeltern", freut sich Patrick Hoferer.