Heiteres, Skurriles und Makabres

Zeit verfliegt bei der Lesung mit Sprachkünstlerin Hanni Ebrahimi wie im Flug

Von Uwe Mundt

Heiteres, Skurriles und Makabres
Hanni Ebrahimi zog in der Bücherei die Zuhörer in ihren Bann.Foto: Uwe Mundt

Neckarwestheim - Um 22 Uhr fragte die Vortragende: "Geht noch eine?" Da stellten die Zuhörer in der neu gestalteten Neckarwestheimer Ortsbücherei mit Erstaunen fest, dass sie schon zwei Stunden lang der Sprachkünstlerin Hanni Ebrahimi aus Kirchheim gelauscht hatten, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht. Mit Kurzgeschichten aus Deutschland, den USA und Wales hatte die Vorleserin im Licht einer kleinen Tischlampe mit Heiterem, Skurrilem und Makabrem ihre Zuhörerschaft zwischen den neuen Bücherregalen in ihren Bann gezogen.

Köstlich Die Vorstellung war gar zu köstlich: Da sitzen wie beim Vorspiel im Himmel in Goethes "Faust" Gott und der Teufel beim Genuss geistiger Getränke beisammen, beobachten, was da drunten auf der Erde passiert und spekulieren darüber, ob ein Jüngling nun seine Angebetete... oder nicht. Und dann schickt der Herrgott, wie weiland bei Hiob, den Gottseibeiuns, auf dass der den kurzerhand zu seinem Knecht ernannten jungen Mann "versuche". Der weiß gar nicht, was er tun soll, und der Schöpfer der Welt gibt ihm allerlei Ratschläge. Wer also ist hier der "Versucher"?

Die Geschichte stammt aus der Feder des einstigen "Pardon"-Mitarbeiters und "Titanic"-Gründers Robert Gernhardt (1937 − 2006), der neben ernsthaften Dichtungen auch seinem satirischen Affen Zucker geben konnte. Ihn und die anderen Autoren rezitierte Hanni Ebrahimi mit sparsamer Gestik auf äußerst hohem Sprechniveau, das freilich zu keiner Zeit gekünstelt wirkt.

Eher skurril wirkte die Story des in Burma geborenen Briten Hector Hugh Munro (1870 − 1916), der sich selbst "Saki" nannte. Da bevölkern, als wäre das das Selbstverständliche der Welt, ein Bischof und ein Leopard mit anderem Getier während einer Überschwemmung ein Haus. Wer muss jetzt vor wem Angst haben? Very british.

Die für den Abend namensgebende Erzählung "Geschichte einer Stunde" schildert ergreifend das Leid einer Ehefrau, deren Gatte soeben mit Tod abgegangen ist, ihre Erinnerungen an die Ehe und ihren plötzlichen Herztod. "Frei, frei", waren ihre letzten gehauchten Worte − gestorben war sie vor Glück. Kate Chopin − keine Verwandtschaft mit dem Komponisten − die von 1860 bis 1904 in den USA gelebt hatte, hatte diese etwas makabre Shortstory verfasst.

Schwarzer Humor Als Meister des Schwarzen Humors gilt heute noch Roald Dahl (1916 − 1990), der Waliser norwegischer Abstammung. Er erzählt die spannende Geschichte eines Südamerikaners, der sein schickes Auto verwettet − Gegengebot: der linke kleine Finger. Erst als der Señor schon das Hackebeilchen gehoben hat, wird er von seiner Frau als irrsinnig entlarvt − allgemeines Aufatmen.

Gar nicht aufgeatmet hatten die Zuhörer in der Bücherei, als Hanni Ebrahimi geendet hatte. Dieser Frau hätten sie noch stundenlang zuhören können, besonders bei solchem Lesestoff.