17 000 Namen im Familienarchiv

Amerikanerin forscht nach ihren Wurzeln in Großgartach

Von Anja Krezer

17 000 Namen im Familienarchiv

„Ich liebe die alten Geschichten aus der Familie.“

A. Laemmlen-Lewis

Leingarten - Was sie tags zuvor gegessen hat - das vergisst sie schnell. Aber ihren Ururgroßvater oder eine Cousine zweiten Grades hat sie samt Geburtsdatum und Kurzbiographie abrufbereit im Kopf. Ann Laemmlen-Lewis aus den USA forscht hobbymäßig nach ihren deutschen Vorfahren. Sie tut es ziemlich professionell. 17 000 Menschen mit Namen und den wichtigsten Daten hat die 50-Jährige inzwischen zusammengetragen, und sie sucht weiter - vor ein paar Tagen war sie in Leingarten. Ihr Stammbaum ist hier tief verwurzelt, ist sie doch die Nachfahrin einer alteingesessenen Landwirtsfamilie. Ihre Großeltern sind 1929 von Großgartach nach Amerika ausgewandert.

Die Schreibweise ist unterschiedlich, aber nur, weil es im Englischen kein „ä“ gibt. Der 82-jährige Helmut Lämmlen lässt sich auf der Eckbank am Esszimmertisch von Ann Laemmlen-Lewis erklären, wann sich die Sippe wie verzweigt hat und wer woher kommt. Ihr Großvater Rudolf und sein Vater Heinrich waren Brüder. Helmut Lämmlen freut sich über den Besuch aus den USA. „Sie weiß unglaublich viel. Das ist sehr interessant. Ich kann zwar einige Zeit verfolgen, aber irgendwann verliert man den Überblick“, sagt Helmut Lämmlen, und seine Frau Maria nickt. So wirklich nachempfinden können die beiden nicht, was die Verwandte antreibt, immer noch mehr über die familiären Verästelungen zu erfahren; was sie motiviert hat, vor einigen Jahren, nachdem die drei Kinder größer waren, Familienforschung an der Uni zu studieren.

Alte Schrift Sie lernte die alte deutsche Schrift und Latein, um in alten Kirchenbüchern lesen zu können - einer ergiebigen Quelle, wenn es um Familienhistorie geht. Laemmlen-Lewis zeigt die Kopie einer Seite aus einem mikroverfilmten Buch: die Seiten eng beschrieben, für Laien nicht lesbare Buchstaben - wie die Schrift einer fremden Sprache.

Das Wengerterehepaar Rudolf und Elsa Lämmlen aus Großgartach ist 1929 über den Panamakanal in Kalifornien angekommen. „Sie hatten in Großgartach in der Heilbronner Straße gewohnt, gleich neben der Kirche“, sagt die Enkeltochter.

Die Lämmlens kauften eine Farm, betrieben Wein- und Obstbau, Sohn Arthur, 1930 geboren, machte weiter, einer der beiden Brüder von Ann Laemmlen-Lewis führt den Betrieb heute. Sie lebt in Utah und pflegt keine Reben, sondern familiäre Wurzeln. „Meine Kinder haben keine Verbindung mehr dazu. Wenn ich nichts dafür tue, geht sie verloren“, sagt die Frau mit den langen Haaren. „Auch wenn ich Amerikanerin bin, fühle ich mich als Deutsche. Ich liebe die alten Geschichten aus der Familie.“ Etwa die: 1945 und 1946 hat Großvater Rudolf 150 Care-Pakete an Verwandte und Freunde in Deutschland geschickt. „Dafür hat er 11 000 Dollar ausgegeben. Das war enorm viel Geld“, sagt Anns Ehemann John.

1971, als Schülerin, war sie das erste Mal in Großgartach. „Das war wundervoll. Ich sah, wo ich herkomme.“ Es geht ihr wie vielen Menschen im Einwanderer-Land USA. Deshalb ist Familienforschung dort so beliebt. Doch nicht jeder würde so weit gehen und Kirchenbücher von 1563 bis 1875 durchforsten.

Fleißarbeit Bei ihrem Besuch jetzt hoffte sie auf weitere Infos - so weit der Datenschutz das zulässt - um die Wurzeln weiter zu verfolgen. Sie war bei Pfarrer Frank Eberhardt, bei Bürgermeister Ralf Steinbrenner und sprach mit Walter Lengle vom Heimatverein. Der sagt: „Hut ab. So etwas Umfangreiches haben wir nicht. Eine unglaubliche Fleißarbeit.“ In den Stammbäumen hat er etliche Leingartener Nachnamen wiedergefunden. Ann Laemmlen-Lewis weiß: „In irgendeiner Form sind viele alteingesessenen Familien miteinander verwandt.“ Ihr Wissen ist in ihrem Laptop gespeichert und auf eine CD gebrannt. Diese soll künftig im Heimatmuseum der Öffentlichkeit zugänglich sein.