Washington & New York
Von Frank Distelbarth
Als 21 Reiseteilnehmer in Wa-shington landeten, wussten sie, dass sie innerhalb einer Woche viele kulturelle Erlebnisse erwarteten. Sie wurden nicht enttäuscht. Sie waren vor allem mitgereist, weil sie in Washington miterleben wollten, wie dort, in dieser großen Weltstadt – in enger Verbindung mit dem kleinen Heilbronn – das Wirken des Heilbronners Adolf Cluss gefeiert wird. Er ist vor 100 Jahren gestorben, und er brachte das Unglaubliche fertig, dass mit dem Erinnern an seine Leistung Heilbronn (wie es formuliert wurde) „auf gleiche Augen-höhe" wie Washington gerückt ist. Mit der Leserreise haben die Teilnehmer ein Signal dafür gegeben, wie groß und außerordentlich wichtig sie dieses durch Cluss entstandene kulturelle Band zwischen den beiden Städten einstufen.
Der Auftritt der Heilbronner, ob als Stimme-Reisende, ob als Mitgestalter der Cluss-Ausstellung, ob durch den hervorragenden Vortrag von Christhard Schrenk, Direktor des Heilbronner Stadtarchivs, über Heilbronn und das damalige Deutschland (als geschichtlichem Background von Adolf Cluss) in der Deutschen Botschaft, vor einem zahlreichen deutschsprachigen Publikum, oder durch das Glanzlicht des Auftritts des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn in der Library of Congress – dies alles hat weiteren kulturellen Kontakten die Tür geöffnet.
Die Stimme-Gruppe war bei allem voll dabei. Sie erlebte bei einem traumhaften Herbstwetter das weitläufige und großzügig gebaute, blitzsaubere Washington wie auch den 445 ha großen Arlington-Friedhof, sah zwei der von Adolf Cluss erbauten Schulen, einst die ersten öffentlichen Schulen in Wa-shington und die ersten Schulen offen für Schwarze, die ja erst nach dem eben beendeten Bürgerkrieg freie Menschen geworden waren. Und sie bekam in der Cluss-Ausstellung in der Sumner School, natürlich von Cluss gebaut, einen großen Teil der weiteren fast siebzig Cluss-Gebäude vor Augen geführt, von denen ganze sieben noch bestehen. Alle waren in der Ausstellung sehr heimatlich berührt, weil auch Heilbronn als Heimat des Washingtoner Architekten und Städteplaners ausgiebig präsentiert wird.
Die Ausstellung weist darauf hin, dass die Washingtoner Cluss-Bauten zum Vorbild in vielen anderen Städten der USA wurden, sei es bei Schulen, Museen, Regierungs-gebäuden, Krankenhäusern oder auch bei Markthallen. Auch wird erwähnt, dass Washington bei der Ankunft von Cluss 1859 „ein staubiges, dreckiges, lumpiges Nest" gewesen ist und dass es wesentlich Cluss zu verdanken sei, dass aus dem Nest sehr schnell eine moderne Stadt mit Infrastruktur, Straßennetz und Kanalisation wurde. Die Ausstellung gibt dem Bedauern Ausdruck, dass so viele der Cluss-Bauten der Spitzhacke zum Opfer fielen, weil der rote Backstein seiner Gebäude mit ihren „altmodischen Fassaden" und den verspielten Türmchen für die aufstrebende Bundeshauptstadt nicht mehr zeitgemäß und jetzt Prunk mit weißem Marmor angesagt war.
Zeit blieb auch für die Museums-Meile an der „Mall" mit dem Air & Space-Museum oder der National Gallery of Art, oder für eines der vielen anderen Museen, alle dank der Smithonian Stiftung kostenlos zu besuchen. Gewiss lauter weitere große Höhepunkte. Nachdenklich wurde so mancher, als unser amerikanischer Führer bei der Stadtbesichtigung kein Blatt vor den Mund nahm und mit scharfen Worten die Regierung Bush als „Unglück für sein Land" geißelte.
Nachdem wir in Washington mit kleineren Rumpelkisten-Omni-bussen herumkutschiert wurden (wenn wir nicht die tadellose Metro nahmen), brachte uns am vierten Tag ein moderner Bus zunächst nach Philadelphia, wo wir den alten Stadtkern mit seinen ganz schmalen, grob gepflasterten Gässchen zu Fuß erkundeten, wo ein ehrwürdiger und mächtiger Rathauskomplex von Wolkenkratzern erdrückt wird und das Museum of Art wie ein griechischer Tempel großzügig und mit viel Freiraum auf einem kleinen Hügel, über eine Prachttreppe erreichbar, ein anderes offenes Philadelphia zeigt. Hier in dieser fünftgrößten Stadt der USA ist die „Wiege der Nation", hier wurde 1787 die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika unterzeichnet, hier wird auf Schritt und Tritt an die „Independence" erinnert, und auch Benjamin Franklin (1706–1790), der große Sohn der Stadt, wird nicht vergessen.
Am Spätnachmittag taucht dann die Skyline von New York auf. Und andere Erlebnis-Höhepunkte folgen sich. Durch den Lincoln-Tunnel sind wir gleich mitten in Manhattan und bei unserem Hotel. Am Abend hat sogleich manch einer der Gruppe bei einem Spaziergang den Broadway gen Süden Richtung 42. Straße (wo das Broadway-Leben abgeht) oder ein Stückchen Richtung Norden den Time-Warner-Komplex und das Lincoln Center (wo die Metropolitan-Oper steht) erkundet… Uff – welch eine andere Welt!
Gewiss lernen wir New York kennen, und auch diese Stadtrundfahrt war ausgezeichnet geführt, diesmal von einer munteren, beschlagenen und sympathischen „Gerda", die uns schon bei der Abfahrt in Washington unter ihre Fittiche genommen hatte. Hochhäuser, Zentren, Parks, Midtown, China Town,
Lower Manhattan, allüberall Hoch-häuser dicht gedrängt wie ein Wald himmelhoher Bäume – dann das große Loch: Ground Zero, wo die Türme des World Trade Centers standen. Busse über Busse mit Touristen, die dort hilflos dastehen, wortlos und voller Beklemmung. Ein leichter Nieselregen lässt einen auch körperlich frieren.
Dann sucht sich jeder an diesem Nachmittag und Abend sowie am ganzen Folgetag seine eigenen Ziele, je nach seinem Interesse. Guggenheim-Museum mit einer großen Sonderschau russischer Kunst, das in der Zahl seiner Säle riesige Metropolitan Museum of Art, das Frick-Museum voll edelster Bilder, wo man sich im Gebäude um hundert Jahre zurückversetzt glaubt, und natürlich „das MoMA", Museum of Modern Art, ganz in Hotel-Nähe, wo manch einer mit den Bildern, die er voriges Jahr in Berlin gesehen hat, Wiedersehen feiern konnte. Man schlenderte durch die Stadt, durch Straßenschluchten, durch den weiten Central Park, bemerkte, dass auch in New York – wie schon in Washington – heute Ginkgos als Straßenbäume gepflanzt sind, die problemlos die Autoabgase schlucken.
Am Abend Weltklasse-Highlights in der Metropolitan Opera oder in der für ihre klassischen Musikdarbietungen ebenso weltberühmten Carnegie Hall. Oder ein Musical am Broadway, wo der „König der Löwen" viele von uns lockte. Wie sagte doch ein Reiseteilnehmer: „Der Abend in der Carnegie Hall war allein die ganze Reise wert."
Am letzten Tag, dem siebten der Reise, wo es am späten Nachmittag Richtung Flughafen ging, noch ein Besuch in Harlem, jenem Stadtteil aus der Holländer-Zeit, wo heute fast alle der stattlichen Gebäude renoviert sind und sich zahlreiche Weiße zwischen den Farbigen angesiedelt haben (und wo Bill Clinton demonstrativ sein Büro aufgeschlagen hat). Voll Stolz wird uns dieser herausgeputzte Bezirk im Norden von Manhattan gezeigt, wo früher Touristen nicht wagten aus den Bussen auszusteigen. Zum Ende der Harlem-Tour ein Abstecher in eine Baptistenkirche, wo ein Gospel-Gottesdienst die Eindrücke unserer Reise abrundet. Gewiss gehörten zu den Eindrücken auch die Begegnung mit dem amerikanischen way of life, wo kleine und größere Dinge unser Kopfschütteln auslösen, wie der Espresso aus dem Pappbecher oder die auf (zu) kühl getrimmten Klimaanlagen.
Es gab Reiseteilnehmer, die vor über 30, vor über 40 und gar vor über 50 Jahren schon einmal im Raum Washington – New York gewesen waren und die in ihrem Innern stets Vergleiche mit damals zogen (und für die diese Reise schon deshalb einen besonderen Stellenwert hatte). Sicher ist, dass alle, auch diejenigen die zum ersten Mal da waren, mit großen Eindrücken heimkehrten. Dies auch dank der perfekten und einfühlsamen GROSS-Reiseleitung von Renate Kühner, unterstützt von ihrem Mann Wolfgang Kühner.
Gründungstag der Heilbronner Stimme
In Washington traf sich Frank Distelbarth mit Gene Mater, der als 18-Jähriger am 28. März 1946, dem Gründungstag der Heilbronner Stimme, im Schießhaus Heilbronn als Adjutant des amerikanischen Presseoffiziers mit dabei war, als den Verlegern Paul Distelbarth und Hermann Schwerdtfeger die Lizenz für die Zeitungsgründung übergeben wurde. Gene Mater, der in Washington lebt, hatte schon vor Wochen von der Ausstellung über den Heilbronner Adolf Cluss gehört und dass zur Eröffnung eine Delegation aus Heilbronn käme. Er hatte sich mit dem Stadtarchiv Heilbronn in Verbindung gesetzt und in der Folge Kontakt mit Frank Distelbarth aufgenommen.
Gene Mater war derjenige, der sich damals im zerstörten Heilbronn vor Ort darum kümmerte, dass die von den Nazis nach Großgartach (Leingarten) ausgelagerte Behelfs-Druckerei so mit Geräten, mit Papier und Farbe ausgestattet wurde, dass dort die neue Heilbronner Stimme gedruckt werden konnte. Mr. Mater weiß noch jedes Detail von damals und fragte nach allen seinerzeit im jungen Zeitungsverlag maßgebenden Personen, die er namentlich auf-führte. Er war nie wieder in Heilbronn gewesen und ließ durchblicken, dass er gerne einmal käme, um zu sehen „was aus seinem Kind" geworden ist.
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