Jugendreferent: Wir können die Gruppe aufbrechen (24.11.2009)
Seit der Vorwurf der sexuellen Nötigung im Raum steht, ist in Neckarsulm eine Jugendbande wieder Thema. Die Stadt will nun verstärkt die Eltern der betroffenen Jugendlichen in die Pflicht nehmen. Im Gespräch mit Adrian Hoffmann schildert Jugendreferent Markus Mühlbeyer (Foto: aho) seine ersten Eindrücke.
Wie gehen Sie jetzt auf die betroffenen Eltern zu?
Mühlbeyer: Am Samstag hat die Stadt ein erstes Gespräch mit den Eltern geführt, es kamen mehr als 20 Personen. Vertreter der türkischen Gemeinde waren auch dabei. Tenor war: Wir wollen in die Zukunft blicken und Schuldzuweisungen vermeiden. Statt dessen geht es um die Frage: Was können wir jetzt gemeinsam tun?
Welche Resonanz haben sie von den Eltern bekommen?
Mühlbeyer: Die Resonanz war gut und ermutigend. Die Eltern waren der Stadt dankbar, dass es ein Gesprächsangebot zu diesem Thema gibt. Sie äußerten sich positiv über die Jugendarbeit, insbesondere über die Mobile Jugendarbeit. Wir haben auch mit einzelnen Eltern der Jugendlichen gesprochen, die momentan in Haft sind. Sie sind ratlos und fragen sich bereits jetzt , was sie tun und wie sie mit der Situation umgehen sollen, wenn ihre Kinder wieder aus der Haft entlassen werden.
Inwiefern kann die Jugendarbeit hier auf lange Sicht zu Veränderungen führen?
Mühlbeyer: Wir halten unser Gesprächsangebot aufrecht. Es ist ein weiteres Treffen mit den Eltern geplant, im Teehaus der türkischen Gemeinde. Wir wollen versuchen, weitere Eltern zu erreichen. Ein betroffener Vater hat zum Beispiel einen Elternrat angeregt. Genaue Vorstellungen hierzu gibt es noch nicht. Wahrscheinlich geht es in die Richtung Arbeitskreis mit den Themen Erziehung, Bildung, Information.
Haben Sie den Eindruck, dass die Eltern aufgeschlossen sind?
Mühlbeyer: Absolut. Wie erhoffen uns auch etwas vom nächsten Treffen im Teehaus. Die Schwelle der Begegnung ist niedriger und vielleicht erreichen wir damit die Eltern noch besser.
Wo sehen Sie Grenzen der Jugendarbeit?
Mühlbeyer: Wir werden Jugendkriminalität nie ausschließen können. Wir können aber präventiv handeln. Wir arbeiten pädagogisch im Rahmen des Möglichen. Und klar muss auch sein: Dieser Vorfall hätte überall passieren können. Er hatte mit dem Haus der Jugend selbst nichts zu tun. Das Haus hatte an diesem Abend geschlossen.
Wie haben Sie die Jugendbande in der Vergangenheit erlebt?
Mühlbeyer: Ich halte Gruppierung für das bessere Wort. Die jungen Leute verlangen nach Regeln. Wir arbeiten seit einem Jahr mit der Gruppe und haben konkrete Erfolge erzielt. So haben sich die Störungen vor und in der Mediathek deutlich verringert, die Mobile Jugendarbeit hat die Jugendlichen von der Straße geholt . In der Gruppe gibt es klare Rollenzuteilungen. Es gibt Chefs und Mitläufer. Das Haus der Jugend ist für alle jungen Leute geöffnet, die sich an die Hausordnung halten und die Spielregeln befolgen. Dies gilt auch nach dem Vorfall. Nicht die Nationalität entscheidet über den Zutritt, sondern das Verhalten.
Wie gehen Sie damit um, wenn Jugendliche im Haus der Jugend Pullover mit der Aufschrift "Devil Türken" tragen?
Mühlbeyer: Das ist ab sofort verboten. Wir wollen das in unseren Einrichtungen nicht mehr sehen.
Welche Folgen hatten die Ermittlungen wegen sexueller Nötigung und die Öffentlichwerdung des Falls für die Neckarsulmer Jugendarbeit?
Mühlbeyer: Der Fall überdeckt den Erfolg der Mobilen Jugendarbeit in Neckarsulm. Das ist bedauerlich. Aber wir nutzen den traurigen Anlass, um die bisherigen Kontakte mit den Eltern und der türkischen Gemeinde zu intensivieren.
Was wird sich in Zukunft verändern?
Mühlbeyer: Wir wollen keine falschen Hoffnungen wecken, die wir nicht erfüllen können. Wir können letztlich nur kontinuierlich arbeiten. Einzelfallarbeit ist schwer messbar. Aber wir haben jetzt zumindest die große Chance, die Gruppe aufzubrechen . Für die Aussteiger der Gruppierung steht unsere städtische Jugendarbeit mit ihren Angeboten weiter zur Verfügung.
Hintergrund: Türkische Gemeinde
Neckarsulms Oberbürgermeister Joachim Scholz hat vergangene Woche die Freitagspredigt in der Neckarsulmer Moschee besucht und mit Vertretern der türkischen Gemeinde über den jüngsten Vorfall im Zusammenhang mit einer türkischen Jugendbande gesprochen. Man bedaure die Entwicklung, sagt Ertan Karaca, Mitglied der türkischen Gemeinde – es werde nun auch darüber nachgedacht, ob die Gemeinde selbst Jugendarbeit anbietet. aho
Rückblick
Am Rande einer Feier im Container der Mobilen Jugendarbeit Ende Oktober sollen drei türkische Jugendliche ein 14-jähriges Mädchen und dessen 15-jährige Freundin sexuell genötigt haben – sie sitzen bereits in Untersuchungshaft.
25. November 2009
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