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Politik und Profit auf Teufel komm raus
Von Markus Günther
In den USA verbinden sich Politik und Patriotismus, Angst und Aberglaube, Mission und Massenkonsum zu einem lukrativen Geschäft für alle Beteiligten.
Clint Byars ist durch die Hölle gegangen. Das ist jetzt nicht metaphorisch gemeint oder als gedankenlose Redensart oder so, sondern: Er ist WIRKLICH durch die Hölle gegangen, und er hat sogar IHN getroffen, den Teufel selbst, den Satan, den Antichristen. Es stimmt, das ist eine absolut wahre Geschichte, es ist genau so passiert , sagt der freundliche 30-jährige Mann, der in Jeans und T-Shirt dasteht wie ein Sozialarbeiter oder Erdkundelehrer. Was er alles hinter sich hat, sieht man ihm jedenfalls nicht an.
In Huntsville, tief im Süden der USA, hat ihn vor zwei Jahren der Teufel verschleppt und direkt in die Hölle verfrachtet. Es war eine schlimme Zeit. Ich habe dem Satan direkt ins Gesicht gesehen und war wie gelähmt. Acht kleine Dämonen waren abgestellt, nur um mich zu quälen. Das Schlimmste waren ihre Stimmen, der Schmerz in meinen Ohren , erinnert sich Clint Byars, während er sein Buch signiert und eine Widmung für seinen lieben Freund Markus schreibt, den er vor zwei Minuten kennengelernt hat.
Seine Geschichte musste natürlich aufgeschrieben werden, es ist ja eine dolle Geschichte, das kann niemand bestreiten. Deshalb hat Mr. Byars gleich nach dem Ende seines
zwölfmonatigen Martyriums seine höllischen Memoiren zu Papier gebracht, Happy End inklusive: Ich habe mich eines Tages entschlossen, dem Teufel nicht mehr zu gehorchen und Jesus anzurufen. Jetzt hat er nur noch ein Problem: Das Buch muss verkauft werden.
Deshalb ist Mr. Byars nach Denver gekommen, zur International Christian Retail Show , zur weltweit größten Handelsmesse für - wie könnte man das übersetzen? - christliche Konsumgüter .
Über 300 Aussteller präsentieren hier einmal im Jahr vor 11 000 Fachbesuchern alles, was ein moderner Christ so braucht, also die Bibel in vielen Varianten, dazu Trost- und Erbauungsliteratur, Musik von Gospel bis Sakropop, aber auch Kruzifixe, Sakralschmuck, christliche Diätratgeber, christliche Blumensamen,T-Shirts mit allen möglichen Aufdrucken und sogar christliche Unterwäsche. Mit anderen Worten: Diese Handelsmesse ist die Rache des Kapitalismus am Christentum. Wer diese Show sieht und nicht vom Glauben abfällt, muss reichlich Gottvertrauen haben.
Knapp 4,5 Milliarden Dollar setzen die Christian Retailers im Jahr um, bei jährlichen Zuwachsraten zwischen zehn und 25 Prozent. Am besten läuft apokalyptische Literatur, außerdem Ratgeberbücher, religiös eingefärbte Popmusik und jede Art von religiöser Didaktik für Kinder. Ein eifernder, missionarischer Ton und ein Hang zur Intoleranz gegenüber Anders- und Nichtgläubigen findet sich auf jedem zweiten Klappentext.
Dabei haben sich die Akzente der populären Sakro-Literatur seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 deutlich verschoben. Die Weltuntergangsstimmung jenes Tages hat viele Amerikaner seither nicht mehr losgelassen, und daher
ist aus der frohen Botschaft vielfach eine Droh-Botschaft geworden: Das jüngste Gericht scheint nicht mehr fern, die apokalyptischen Reiter sind vielleicht schon unterwegs, mit einem entführten Flugzeug auf dem Weg nach Manhattan, mit einer Bombe im Rucksack in der Londoner U-Bahn.
Oder, wie Clint Byars sagt: Das Böse ist ganz real, das haben jetzt endlich alle verstanden, es hat von vielen Menschen Besitz ergriffen, wir müssen dagegen entschlossen kämpfen und es besiegen. Dass er damit dem amerikanischen Anti-Terror-Krieg einen theologischen Überbau liefert, will er nicht gelten lassen. Doch sein Buch Der Spaziergang mit dem Teufel steht gleich neben dem Bestseller Der Glaube unseres Präsidenten , in dem Bush ganz unverblümt als gottgesandter Retter der Welt gepriesen wird.
Schier unfassbare 60 Millionen Exemplare haben allein Tim LaHaye und Jerry Jenkins von ihrer apokalyptischen Serie Left Behind (etwa: Zurückgelassen ) verkauft, in der die Stimmung des 11. September 2001 subtil verbunden wird mit traditionellen amerikanischen Feindbildern wie den Vereinten Nationen, dem Vatikan und dem Judentum. Dass die erfolgreichsten US-Schriftsteller der letzten Jahre in Deutschland immer noch unbekannt sind, während ein amerikanisches Randphänomen wie Michael Moore in Deutschland Kultstatus erlangte, zeigt die tiefe Entfremdung beider Länder.
LaHaye und Jenkins sind die unbestrittenen Superstars der Szene. Nur ein Bruchteil ihrer Auflagen würde andere christliche Schriftsteller reich und glücklich machen. Deshalb erklären die Meister im Workshop ihr Erfolgsrezept: Man muss die Bibel einfach ganz wörtlich auslegen. Es steht schon alles drin , sagt Tim LaHaye. Deshalb ist für ihn auch die Evolutionstheorie Darwins der reine Humbug. Aber natürlich darf zur Verkündigung auch ein Schuss Phantasie und Modernität hinzukommen.
Clint Byars ist da schon einen großen Schritt weiter. Er hat bereits seine eigene Kirche aufgemacht, verdingt sich mit seiner Frau zusammen als eine Art Pfarrersehepaar und konnte nach den erfolgreichen Jahren der Existenzgründung noch eine eigene Firma für christliches Design eröffnen, die T-Shirts mit Aufdrucken wie Der Teufel ist ein Weichei und Ich bin ein geretteter Sünder vertreibt.
Clint Byars ist übrigens nicht der einzige Amerikaner, der den Satan getroffen hat. Gesichtet wird er ungefähr so oft wie der lebende Elvis, und in dem 1400-Seelen-Dorf Inglis in Florida tauchte er vor einer Weile so häufig auf, dass der Gemeinderat sich gezwungen sah, radikale Maßnahmen zu ergreifen. Per Dekret wurde der Teufel offiziell aus Inglis
verbannt: Kraft meines gottgegebenen Amtes und zum Schutz der Freiheit unserer Bürger , schrieb die Bürgermeisterin Carolyn Risher, verbanne ich ein für allemal den Satan aus unserer Stadt. An hölzernen Pfählen rund ums Dorf wurde der Bannspruch aufgehängt - und offenbar auch vom Teufel gelesen. Denn seither hat er sich in Inglis nicht mehr blicken lassen.
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